Editorial

Spent Spinner der Ephemerella aurivilli. Eine Verheißung goldener Zukunft.

Liebe Fliegenbinder und Fliegenbinderinnen!

Mein Arbeitszimmer hat ein Fenster und eine Tür nach Süden, ein Fenster nach Westen, und die Sonne scheint gerade kräftig hinein. Die Ostsee, mein nächstes Ziel, hat 5,8 Grad. Die Borstenwürmer werde ich um eine Woche verpassen, wie die Trommeln melden. Ich bin eifrig dabei so dies und das zu tun und muss zugeben, ich habe mich diffus festgefummelt. Jede Menge Aufträge, was im Haus und Garten zu tun sei, prasselten herein, ich hab‘ ein paar Rollen versprochen, die noch nicht fertig sind, will noch sehr viele Fliegen für mich binden, bereite unmittelbar eine Woche Dänemark vor und ein paar Einladungen zu Feierlichkeiten gibt es auch. Das alles muss irgendwie in zwei Wochen passen, und ich sehe noch nicht wie. Darum muss man mit dem großen Philosophen Linus wohl sagen: Kein Problem ist so groß, dass man nicht vor ihm davonlaufen könnte. Aber so funktioniert die Welt ja nicht. Da wohl jeder von uns einen entfernten Verwandten hat, der BWL studiert, von Kritikern ja gern als Grundschulmathematik mit ein bisschen Soziologie bezeichnet, setzen wir uns SMARTe Ziele, arbeiten mit PACT, FAST und definieren OKRs. Im Kindergarten setzt die Leitung mehr Eisenhower-Quadrate ein als das Militär um die Ecke. Das ist too much, und eigentlich brauchen wir von allem weniger. 30 Sorten Kopfperlen, 40 Arten Chenille, 50 Variationen Kunsthaar, 100 Qualitäten Dubbing. Dagegen stehen Gottes Fasan, Rebhuhn und Hase. Blingbling ersetzt Substanz. Überall. Das müssen wir bekämpfen. Da uns diese ganze Beeinflussung umgibt wie eine Wolke, was früher ein Binder ist heute ein Influencer, ist es gar nicht leicht mal den Blick auf den klaren Himmel zu finden. Genau darum gehe ich ja mit der Fliege fischen, weil es nicht S ist, spezifisch, nicht M, messbar, auch nicht R, realistisch, und bitte nur nicht T, terminiert. Es ist nur A, attraktiv. Ich will wie ein Kind in den Tag hinein leben und fischen, ich will mich dabei nicht finden und nichts denken, einfach nur fischen, und Fliegenbinden ist die Vorfreude auf dieses Erlebnis. Wenn ich ein Huhn sehe, sehe ich eine Forelle, sagte Andre Puyans gern, und wenn wir eine neue Kreation aus dem Bindestock nehmen und in die hohle Hand legen, dann sehen wir die schimmernden Schatten, die uns so viel mehr bedeuten als wir in Worte fassen können. April, Mai, Juni. Sie sind da. Nicht zum Greifen nah. Zum Greifen da. Probleme sind Chancen, die man auch später noch nutzen kann. Raus ans Wasser.

Herzlichst und Tight Lines

Ingo Karwath, am 8.4.26