Editorial

Die Bindewelt passt in eine kleine Ecke.

Mit dem „FliegenBinder“ ist an dieser Stelle Ingo Karwaths Online-Magazin entstanden, das Sie seit September 2018 kostenfrei mit Anregungen versorgt. Im Archiv können Sie die Monate einsehen. Seien Sie doch so nett und empfehlen das weiter. Vielen Dank.

Liebe Fliegenbinder und Fliegenbinderinnen!

Ich habe neulich „Tying and Fishing the Fuzzy Nymphs” von E.H. Polly Rosborough wieder einmal gelesen und muss doch sagen, dass mir da etwas entgangen war. Wie alle jungen Fliegenbinder habe ich vor Jahrzehnten darunter gelitten die berühmte Wolle Chadwicks 477 nicht besorgen zu können, mit der man den „Sawyer Killer Bug“ bindet. Als ich sie dann endlich hatte, musste ich zu meiner Enttäuschung feststellen, dass sie der beigegrauen Sockenwolle von Karstadt nun auch nicht so über war. In Pollys Buch sind mehr extravagante Wollmarken aufgeführt, als mir vorher aufgefallen war, und auch die habe ich immer schon irgendwie ersetzt. Die zahlreichen Kunststoffmaterialien unserer Tage haben eine Halbwertzeit von wenigen Jahren, dann werden sie von neuen Fasern überwipfelt. Einer Bindeanleitung von 2010 kann oft nicht mehr entsprochen werden, weil es die Fasern nicht mehr gibt. Da nun einmal nur Biber Biber bleibt und Fasan Fasan, muss man halt einen Ersatz finden. Das aber ist das falsche Wort, denn eine Weiterentwicklung ist ja im Prinzip kein Ersatz. Trotz meiner Vorbehalte gegen Kunststoffe bin ich inzwischen dazu gekommen, ihnen keine Gefühle mehr entgegenzubringen. Sie sind halt da, und ob ich jetzt „Super Hollow Devils Fibre“ nicht mehr bekomme oder die Wolle „Dazzle Aire“ vom K-Mart in Williamson ist doch völlig egal. Aber da wäre eine Sache, an der hänge ich doch. Wenn ich Fliegen binde, dann möchte ich Fliegen binden. „Muddler Minnow“, „Adams“ oder „Light Cahill“ schweben durch meine Vorstellung, ich bin fixiert auf den Wunsch, auch mit meinen Mustern diese Fängigkeit zu erreichen. Es gibt aber auch eine andere Gruppe, die möchte die Fängigkeit eines „Rapala“, „Mepps“ oder „Hi-Lo“ am Bindestock kopieren. Das ist eine andere Welt. Die Vorgänge bleiben vollkommen gleich, aber die Grundlagen sind verschieden. Die eine ist nicht besser als die andere, und ich persönlich sehe mich eher als Muddlertyp, aber zu einer Hechtfliege, die den „Mepps 3“ schlägt, sage ich auch nicht nein. Zu denkwürdig sind die Erinnerungen an die Ederteiche, wo ein Wurf mit dem Spinner meist sofort einen Hecht brachte, während der Streamer nicht angerührt wurde. Stundenlang. Aber das ist lange her. Wir haben aufgeholt, fangen zuverlässig, und erst wenn der Streamer die Eisdecke nicht mehr durchbricht ist die Hechtzeit vorbei. Raus ans Wasser. Unsere Seele wird es brauchen. Die Zeiten sind schwer.

Ihr

Ingo Karwath, November 2020

Der „FliegenBinder“ enthält keine bezahlte, aber vielleicht mal unbar belohnte Werbung. Ein Bericht, bei dem das der Fall ist, wird den Umstand deutlich lesbar benennen. Wegen SEO laufen in Zukunft alle Beiträge mit dem Verfassernamen, und das bin ja (noch) immer ich.