Ingo Karwaths Fliegenlexikon Nr. 11

Mouches a saumon. Die Kunst der subtilen Verführung kann nicht länger ein Geheimnis bleiben.

Meine ehemalige Schule verstand sich nicht nur als humanistisches Gymnasium, sie war es auch wirklich. In gewisser Weise war es auch eine humoristische Anstalt, denn sie hat immerhin mich toleriert und ohne Ehrenrunde mit dem Zeugnis der Reife entlassen, was ich vermutlich einer Mischung von Glück, Zufall und guten Einfällen verdanke. Ich war ein schlechter Schüler mit überwiegend schlechten Noten und meist zwei bis drei verstreuten Einsen im Zeugnis. Bei uns konnte man Latein, Griechisch und Englisch lernen, und Französisch in der nullten Stunde von 7 Uhr bis 7.45 Uhr. Das habe ich nur ein Jahr durchgehalten und bin nun gezwungen, beim Bäcker in Pordic meine Hörnchen mit „deux ici“ plus Zeigefinger zu bestellen. Da ich mich in der französischen Küche jedoch gut auskenne und wenig schüchtern bin, verlassen sich auch viel bessere deutsche Kenner der französischen Sprache gern auf mich. Mein anderes Spezialgebiet ist das Bindefranzösisch. So Sachen wie faisan doré rouge, bourre de sanglier, collerete de faisan doré, laine verte und huppe de faisan doré übersetzen sich bei mir ohne Verzögerung in deutsche Binderezepte. Jenseits von Essen und Binden tappe ich jedoch blind durch diese schöne Sprache, und das wird auch so bleiben, denn in meinem Alter möchte ich keine Ressourcen mehr für das Sprachenlernen verwenden. Da lerne ich lieber wie Übersetzung-Apps funktionieren.

Oanellig. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 8; Bindeseide: schwarz; Rippung: Ovalgold; Körper: Wolle, grün; Hechel: Hahn, grau; Flügel: Eichhorn, schwarz über Dachs.

Katell. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 8; Bindeseide: schwarz; Tag: Wolle, gelb; Schwanz: Goldfasanschopf; Rippung: Ovalsilber und Pfauengras; Körper: Wolle, schwarz; Hechel: Hahn, blau; Flügel: Pfau, Körperfeder mit Flaum über Rebhuhn.

Morgan. Haken: Nasshaken Gr. 2/0 bis 2; Bindeseide: Flymaster 6/0 schwarz; Tag: Wolle, rot; Schwanz: Goldfasanschopf; Körper: Wolle, grau; Körperhechel: Hahn, grau; Flügel: Goldfasan, Fibern der Schwanzfeder über Goldfasan, rote Fibern über Pfau, Körperfeder mit Flaum.

Leider bleiben unbekannte Sprachräume auch unbekannte Fischräume, und es gehört schon Chuzpe dazu, ohne Kenntnisse im französischen Hinterland nach Gewässern und Angelscheinen zu forschen. Mit französischen Fliegenmustern hat man weniger Kummer, denn ob Print oder Cloud, da gibt es wirklich genug. Es ist überhaupt eine gute Idee sich ein wenig durch die europäische Gemeinschaft zu binden und eine Dose mit EU-Fliegen wird an den Gewässern dieser Welt ganz sicher zum Erfolg beitragen. Viele Lachsfischer sind ja ohnehin mit irischen Shrimps, schottischen Fliegen und dänischen Mustern versorgt, aber kaum einmal sieht man die fängigen Franzosen. Man darf in keinem Fall von der Qualität der französischen Fischerei auf die Qualität der französischen Fliegen schließen, sondern genau umgekehrt wird ein Schuh daraus. Es ist ja die überragende Qualität der Landesfliegen zusammen mit der Landesküche, die den Lachs in Frankreich so rar macht … Die Fliegen haben einen ganz eigenen Stil und werden nirgendwo sonst so gebunden. In der Normandie fischt man zwar gern die britischen Klassiker, in der Bretagne jedoch die typischen Pfauenflaumfliegen und in den Pyrenäen die wolligen Dachsflügelfliegen. Lachsfischen ist ja, sind wir doch mal so ehrlich, unter dem Strich ein freudloses Frusterlebnis mit einzelnen Höhepunkten. So wie, siehe oben, mein Zeugnis. Ganz im Gegensatz dazu sind die bunten Lachsfliegen weltweit doch überwiegend so gebunden als wären sie im Varieté entstanden. Bunt contra Frust. In Frankreich hat man das anders gemacht, denn während man die Tänzerinnen im Moulin Rouge durchaus mit Federn aus den überseeischen Kolonien bekleidet hat, mehr und auch weniger, hat man dieses bunte Geflügel nicht für Fliegen benutzt.

Nolwenn. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 8 Bindeseide: schwarz; Tag: Wolle, gelb; Schwanz: Goldfasanschopf; Körper: Wildschweinwolle; Hechel: Hahn, grau; Flügel: Pfau, Körperfeder mit Flaum.

Paskell. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 8; Bindeseide: schwarz; Tag: Wolle, grün; Schwanz: Goldfasan, rote Fibern; Körper: Wildschweinwolle; Hechel: Hahn, grau; Flügel: Pfau, Körperfeder mit Flaum.

Heodez. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 6; Bindeseide: schwarz; Schwanz: 2 Hechelspitzen, grau; Körper: Wolle, orange; Körperhechel: Hahn, grau; Flügel: 2 oder 4 Hechelspitzen, grau.

Für die Fliegen hat man sich auf Wald, Feld und Park besonnen. Wildschwein, Fasan und Pfau, damit wird gebunden. So bilden die Lachsfliegen eine Passage vom Herrschaftlichen zum Bäuerlichen, denn wo gejagt wird wird gewildert, und ein Pfau in der Nachbarschaft bringt selbst sanfte Musiklehrer auf Mordgedanken. Aber es ist wohl zu romantisch anzunehmen dass mit gewilderten Fliegen der Herrschaft vom Wasserschlösschen an der Loire die Lachse aus den Pools geholt wurden. Wahrscheinlicher ist es dass die Herrschaft dem Jagd- und Fischereiaufseher Lachsfliegen in Auftrag gab und der gute Mann hat sie dann mit dem Material der Region gebunden. Da ihm ein Wildschwein, wohl zu seinem Leidwesen, häufiger vor die Flinte kam als ein Revuegirl, sind die Fliegen im Laufe der Jahrzehnte eben so geworden wie wir sie heute kennen. Ist ja auch nicht so wichtig, aber doch amüsant historisch zu spekulieren. Typische Materialien für französische Lachsfliegen sind Fasan, Pfau, Ente, Rebhuhn, Dachs, Wildschwein, Eichhorn und Wolle. Dabei hat man besonders die Jugend der Lachse im Blick und will ihnen eher eine entomologische Erinnerung anbieten als eine farbliche Verführung mit welchem Schmetterling auch immer. Hinzu kommt eine Anpassung an Strömungsverhältnisse, und voilà, aus einer Kombination weniger Materialien mit verständlichen Theorien entstehen die so typischen Muster. Dabei nimmt man für Strömungen eher Dachs, Eichhorn und Hechelflügel, für träge Gewässer aber lieber Pfau, und zwar Fiber und Flaum. Hinzu kommen bewährte Mischungen von eher steifen und eher weichen Materialien, und was auf den ersten Blick simpel aussehen mag entpuppt sich als eine komplexe Fliegenfamilie zur regionalen Lachsverführung.

Kristen. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 8; Bindeseide: schwarz; Tag: Wolle, orange; Schwanz: Goldfasanschopf; Körper: Wildschweinwolle; Hechel: Hahn, grau; Flügel: Goldfasan, Kragenfederfibern, Pfau, Fibern mit Flaum.

Le Fevre 2. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 6; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Goldfasan, rote Fibern; Rippung: Ovalsilber; Körper: Wolle, dunkelbraun und Dubbing, dunkelbraun; Thoraxhechel: Hahn, dunkelbraun; Flügel: Pfau, Fibern mit Flaum.

Le Fevre 4. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 6; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Goldfasan, gelbe Fibern; Rippung: Ovalsilber; Körper: Wolle, hellbraun und Dubbing, hellbraun; Thoraxhechel: Hahn, hellbraun; Flügel: Pfau, Fibern mit Flaum.

Wenn Goldfasanschopf als Schwanz eingebunden wird, dann eher lang als kurz. In einer an sich schlichten Fliege ist der Lichteffekt einer solchen Feder ein purer Reiz. Wie unglaublich schön eine Schopffeder ist, erkennt man erst an einer grauen Fliege. Und auch Tinsel wird nur selten und stets sparsam eingesetzt. Die Körper sind entweder aus Wolle oder Wildschweinwolle, und wenn eine Hechel eingesetzt wird, dann wie bei einem Palmer mit vielen Wicklungen. Hechelflügel spreizen sich, damit sie im Wasser arbeiten können. Flaum ist nie zufällig im Flügel, sondern wird in einem sorgsamen Aufbau eingebaut. Der ganze Stil geht insgesamt eher in die lowwater-Richtung und der bevorzugte Haken ist brüniert. Die Muster sind so subtil, dass unser an gefräste Röhrchen, an schwingenden Polarfuchs, vibrierendes Orange und blitzendes Kunsthaar gewöhntes Auge ihre Qualitäten fast übersieht. Ich habe das eigentlich erst begriffen, nachdem ich Dutzende dieser Muster gebunden und damit gefischt habe. Dänische Gewässer ähneln ein wenig denen in der Bretagne, wo ich leider zu selten bin, und ich konnte auf dänischem Boden mit den fremden Federn schon sehr viele Fische überzeugen. Das ist ja letztlich auch ein Sinn der EU. Handeln und lernen. Und es ist viel einfacher mit einer französischen Fliege einen dänischen Fisch zu fangen als unter Wahrung von Export-Import-Verordnungen aus Brüssel ein Stück Fischfilet von hier nach dort zu versenden.

Gave. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 6; Bindeseide: schwarz; Tag: Ovalsilber und Floss, blau; Butt: Wolle, rot; Schwanz: Goldfasanschopf; Rippung: Flachsilber; Körper: Wolle, grau; Hechel: Hahn, gelb und braun; Flügel: Dachs.

Leny 22. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 8; Bindeseide: schwarz; Tag: Wolle, oliv; Schwanz: Goldfasanschopf; Rippung: Flachgold; Körper: Wolle, grau; Hechel: Hahn, braun; Flügel: Goldfasankragen, Jagdfasan.

Bretonne 3. Haken: Nasshaken Gr. 2 bis 8; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Goldfasanschopf; Rippung: Ovalgold; Körper: Wolle, orange; Hechel: Hahn, hellbraun; Flügel: Goldfasanschwanz.

Reisetipps

Den französischen Lachsen haben natürlich nicht die schönen Fliegen den Garaus gemacht, sondern schon im 19. Jahrhundert Wasserbau und Verschmutzung. In der Bretagne, der Normandie und den Pyrenäen kann man in Flüssen wie Adour, Nivelle und Bidsoa, in Couesnon, Selune, See und Sienne, in Aulne, Pense, Scorff, Elorne, Blavet und Elle auf Lachs fischen. Die Loire und die Allier sind im Fokus von Interessengemeinschaften, die auf eigene Kosten für den Lachsbestand sorgen. In der Bretagne hat die „Association Pour le Protection du Salmon en Bretagne“ seit den 70er Jahren für eine stete Verbesserung der Bedingungen gesorgt. In Frankreich ernsthaft auf Lachs zu fischen hat den Charakter der Expedition und bedarf der individuellen Vorbereitung. Da man als Fliegenfischer bei einer Familienreise an die bekannten Küsten allein schon wegen der Wolfsbarsche eine 8er Rute im Gepäck haben sollte, kann man jedem Frankreichfahrer nur raten, sich hinter den Kulissen der familiären Urlaubsplanung ein klein wenig auf Lachs vorzubereiten. Nicht mit heiligem Ernst, aber doch mit französischer Leichtigkeit kann man von der besten aller Ehefrauen bestimmt ein paar freie Stunden am Wasser bekommen und vielleicht einen Ferienlachs fangen, der sich unabhängig von der Größe dem Gedächtnis einbrennt wie ein Kapitaler.

Ingo Karwath