Ingo Karwaths Fliegenlexikon Nr. 4

Die Fliegen des Dr. Georges Massia. Ein Vermächtnis für den Gewässerschutz.

Dr. Georges Massia, von Haus aus eigentlich Humanmediziner und Dermatologe, war zuletzt Chefarzt der Parasitologie in Lyon. Wir sprechen von den 1930er Jahren. Frankreich war als Kolonialmacht noch höchst aktiv, und Parasiten waren durchaus von Staatsinteresse. Es gibt wohl kaum ein anderes Fach, das aus so großen Schnittmengen von Biologie, Mikrobiologie, Sozialwissenschaften, Medizin und Veterinärmedizin besteht. Und selbst wir Laien wissen, was für gruselige Parasiten es auf der Welt gibt. Erholung fand Dr. Massia beim Fliegenfischen, und es gibt einige schöne Bilder von ihm, jung mit dunklem Bart und Zigarette, etwas älter mit grauem Bart, aber schlanker geworden, natürlich mit Zigarette, und noch älter, mit Spitzbart, an Sigmund Freud erinnernd, ohne Zigarette. Es gibt etliche wissenschaftliche Publikationen von ihm, doch leider kein Buch über das Fliegenfischen. Man darf annehmen, dass er als vielbeschäftigter Mediziner dafür keine Zeit hatte. Er sieht auch auf den Fotos so aus, lässig, distinguiert, ganz bei sich, als würde er seine Freizeit sehr genießen. Aber aus den Büchern von anderen kennen wir seine berühmten Fliegen.

No 1. Haken: Größe 8 und 10; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hahn, rot; Rippung: Seide, schwarz; Körper: Seide, rotorange; Hecheln (2): Hahn, mittelgrau und kräftig rot. (Corps en soie orangée rouge, annelé de soie noire; un hackle de coq roux chaud et un coq gris moyen assez fournis; cerques en hackle de coq roux; hamecons 9 et 10).

No 2. Haken: Größe 12; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hahn, hellrot; Rippung: Seide, goldgelb; Körper: Seide, mittelbraun; Hecheln (2): Hahn, hellbraun oder ingwer und hellgrau. (Corps en soie brun moyen, cerclé de soie jaune d’or; un hackle de coq roux clair ou gingembre mélangé à un hackle gris clair; cerques en hackle de coq roux très clair; hamecons 11 et 12).

No 3. Haken: Größe 14; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hahn, hellgrau ; Körper: Hechelkiel, gelb; Hecheln (2): Hahn, wenig hellbraun und mehr blue dun. (Corps en quill jaunatre; deux hackles court, mais tres brillante, melanges, l’un de coq gris, l’autre gingembre ou roux tres clair; cerques en hackle de coq gris clair; hamecons 15 et 14. Enrouler tres peu de hackle roux, juste ce qu’il faut pour faire tache dans le gris).

Diese Fliegen von Dr. Massia bilden eine kleine Familie, die man im Gegensatz zu den großen Rudeln der Halford oder de Boisset Fliegen flott binden kann und an wenigen Abenden fünffach in allen Größen in den Dosen hat. Es gibt die Fliegen Nr. 1 bis 6, die man mit einem Schwänzchen bindet, und die Fliegen Nr. 7 bis 9, die eine besondere Bindeweise haben. In den 60er und 70er Jahren waren die Fliegen sehr populär, und bei Chamberet konnte man die ganze Serie kaufen. Ihre Beliebtheit ergab sich aus der anerkannten Fängigkeit und der einfachen Bindeweise. Flügel sucht man vergeblich, denn die werden mit einer zweiten Hechel dargestellt. Diese Melange der Fibern machte die Fliegen aus, und die gleichermaßen kritischen französischen Fliegenfischer und Forellen mochten sich darauf einlassen. In seinem Buch mit 398 Seiten widmet de Boissset zwar nur drei Seiten seinem Freund Dr. Massia, Seite 240 bis 242, aber der Impakt war viel größer als es dieser Anteil vermuten lässt. Die Massia Fliegen sind eine impressionistische Verdichtung der eher vollständigen Fliegenserien, die jedes Insekt mit seinem lateinischen Namen wahrnehmen und darstellen. Die Serie unterscheidet vor allem nicht in Maifliegen und Fliegen, eine in Frankreich sonst gern gedachte Richtung. Man kannte die großen Maifliegen bei ihren Namen, und nannte den ganzen Kribbel-Krabbelrest einfach Moucheron. Also alle sonstigen Eintagsfliegen, Ameisen, Mücken, Köcher- und Steinfliegen. Moucheron! Das ist eine ideale Entomologie für Einsteiger. Die Muster 7 bis 9 schwimmen im Prinzip wie Fallschirmfliegen. Der Körper taucht ein, die Hecheln deuten Emergenz an. Durch die Auslassung aller Flügel entfällt auch die Unterscheidung in aufrecht, spent oder flach, und wie wir vom „Caperer“ wissen, benötigt eine fängige Sedge eventuell gar keine Flügel. Dr. Massia war Wissenschaftler, und ich denke er hat sich an die komplexe Vereinfachung seiner Muster herangetastet. Irgendwie möchte man es ja vermeiden an solchen Stellen immer wieder Einstein zu bemühen, aber so einfach wie möglich, nur nicht einfacher, ist nun mal von ihm.

No 4. Haken: Größe 10 bis 14; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hahn, rot; Rippung: Seide, schwarz; Körper: Seide, orange; Hecheln: Hahn, hellbraun und dunkelbraun. (Corps en soie orange, cercle de soie noire; deux hackles de coq assez longs et tres brillants melanges, l’un roux tres clair, l’autre roux fonce; cerques en hackle de coq roux; hamecons de 10 a 14).

No 5. Haken: Größe 16; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hahn, grau; Rippung: Ovalsilber, dünn; Körper: Seide, dunkelbraun; Hecheln: Hahn, mittelgrau und dunkelbraun. (Corps en soie brun fonce cercle d’argent; deux hackles melanges gris et roux fonce, cerques gris; hamecon 15).

No 6. Haken: Größe 10; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hahn, grau; Körper: Seide, schwefelgelb; Hecheln (2): Hahn, mittelgrau und honig. (Corps en soie jaune soufre, non cercle; deux hackles, l’un gris et l’autre honey, cerques gris; hamecons 9 ou 10).

Die Bindeanleitungen gebe ich zusammen mit dem französischen Originaltext aus meiner Boisset Ausgabe von 1951. An meiner Schule gab es Französisch nur in der nullten Stunde, also vor dem eigentlichen Unterricht. Das habe ich nur ein Jahr durchgehalten, weil es nicht so mit meiner Neigung harmonierte, vor der Schule angeln zu gehen. Dazu versteckt man sein Angelzeug am Gewässer und sagt den Eltern man geht zum Frühsport. Man kann meinen Übersetzungen also nur bedingt trauen. Eine wirkliche Schwierigkeit bei der Interpretation der Angaben besteht allerdings darin, dass die Textangaben ganz klar Dinge benennen, die dann auf den Farbtafeln bei de Boisset und auch Chamberet nicht zu finden sind. Ich gehe davon aus, dass man den Text als führend bewerten sollte. Zwischen Text, Binder und Fotograf kommt es dann zu den Ungenauigkeiten, die später irritieren.

No 7. Haken: Größe 10; Bindeseide: schwarz; Körper: Seide, rot; Hecheln: Hahn, dunkelbraun, normal, und hellbraun, lang, vorn, zwei bis drei Windungen vorn. (Corps tres court en soie rouge, non cercle; hackle court assez fourni de coq roux fonce; hackle long de coq roux clair enroule sur le premier hackle par deux ou trois tours en sautoir; hamecons 9 et 10).

No 8. Haken: Größe 12; Bindeseide: schwarz; Körper: Seide, gelb; Hecheln: Hahn, honig, normale Fibernlänge, Hahn, grau, lange Fibern, vorn, zwei Wicklungen. (Corps cour en soie jaune, non cercle; hackle court normal de coq honey; hackle long de coq gris tres brillante enroule par deux tours; hamecons 11 et 12).

No 9. Haken: Größe 14; Bindeseide: schwarz; Körper: Seide, grau; Hecheln (2): Hahn, blue dun, kurze Fibern, und Hahn, dunkelgrau, lange Fibern, vorn, zwei Wicklungen. (Corps court en soie gris moyen, non cercle; hackle court tres petit de coq gris bleu; hackle long de coq gris fonce tres brillante, enroule par deux tours; hamecon 13 et 14).

Wie man leider auf einen Blick in die Kataloge erkennen kann, steht das Insektensterben in unserer Landschaft in direktem Zusammenhang mit dem Fliegensterben in den Katalogen. Die Trockenen schwinden. Ich bin als kleiner Junge mit meinen Eltern so oft nach Hermagor in Kärnten gefahren, dass wir irgendwann das silberne Gästeabzeichen bekamen. In der Gail fing ich meine erste Fliegenforelle. Meine Eltern fuhren VW. Erst Käfer, dann den 1600er, dann K 70. Die Strecke von Wilhelmshaven nach Hermagor fuhren wir gemütlich in zwei Tagen, mit Zwischenstopp in Pfaffenhofen. Mein Vater liebte das Essen dort und schwelgte in Knödeln. Und außer den Tankstopps gab es immer mal wieder Scheibenstopps, weil die Frontscheibe durch Insekten so verschmutzt war, dass sie undurchsichtig wurde. Heute fährt man die Strecke und hat kaum ein Insekt an der Scheibe. Obwohl die Fliegenserie Massia aus der ganz insektenreichen Zeit kommt, passt sie heutzutage noch besser in die Zeit als früher. Ich sehe in ihr einen Anker. Die Serie gehört in unsere Dosen, vielleicht als letzte Bastion in Erinnerung an Dr. Massia, an Halford und de Boisset, und von ihr ausgehend müssen wir dafür kämpfen, dass es den uns anvertrauten Insekten wieder besser geht. Sie haben kein Streichelfell, keine Babyaugen, keinen Knopf im Ohr, und sind uns ja doch lieber als so manches Kuscheltier.

Ingo Karwath