Rackelhanen v. Goddard Henry Sedge

Schweden gegen England. Vännean gegen Test. Oder ist das Apfel gegen Birne?

Einen etwas längeren Trockenhaken mit einem Fundament bewickeln und bei der Gelegenheit hinten eine kurze Schlaufe erzeugen.

Mit Büscheln von Hirsch- oder Rehhaar einen Körper aufbauen, der bis etwa 4 mm vor das Öhr reicht.

Die „Goddard & Henry Caddis“ von John Goddard und Cliff Henry ist eine dieser typischen Fliegen mit dem „warum ist mir das nicht eingefallen“ Nebengedanken. Sie kommt aus einer Zeit, in der wir zwar alle fleißig „Irresistables“ gebunden haben, und auch der „Muddler“ mit Konsortien war in aller Munde, besonders der Forellen, und Rehhaarkörper wurden auch schon zu Käfern und Zikaden gestutzt, aber eine Köcherfliege zu formen, das war genial. Die gemeinsame Urheberschaft der beiden Herren hat vermutlich sehr viel damit zu tun, dass John Goddard technisch kein guter Binder ist. Ich würde mir das Urteil natürlich nicht anmassen, und gebe nur wieder was seine guten Freunde über ihn sagen. Die Briten haben ja durchaus nicht nur einen feinen, sondern auch einen raubeinigen Humor, der mit größtem Erfolg ihrem Schulsystem entwächst. Welches man wohl nur mit Humor aushält. Die Rehhaarcaddis wurde sofort mit ihrem Erscheinen, ich abonnierte damals „Trout & Salmon“, ein Mitglied meiner Dosencrew. Zunächst absolut original gebunden, also mit dem Unterkörper und den beiden Fühlern. Aber die Fühler gingen mir zunehmend auf den Senkel, was aber letztlich an mir lag. Der Abendsprung mit Köcherfliegen, Roman Moser hatte damals gerade über die „Sedgetime“ geschrieben, war für meinen jungen und zarten Nerven eine zu aufreibende Zeit. Kopflampen waren noch nicht so gebräuchlich, und diese alten Militärlampen, die man an einen Jackenknopf hängen könnte, waren der Stand der Dinge.

Den Körper zu einer Sedgeform zurechtstutzen. Das geht an der Oberseite und an den Seiten sehr gut mit einer frischen Rasierklinge, unten jedoch besser mit einer Schere, sonst kappt man die Seide. 

Eine Portion Dubbing in den Doppelfaden einlegen, eine Dubbingnudel drehen und unter dem Körper nach vorn legen und festwinden.

Aus Hechelkiel zwei Fühler entweder einbinden oder weglassen und eine braune Hechel anbringen. Auch die Hechel könnte man unten stutzen.

Gerade an der Rhume, die ja die Oder aufnimmt und dann zur Leine fließt, gab es ein dämmriges und dann nächtliches Steigen von Format. Da standen einem die Haare zu Berge, und mir jedenfalls waren in dem Alter dann keine ruhigen Finger gegeben. Die beiden Fühler vor dem Öhr verwickelten sich dann zu gern mit dem Fliegenknoten, und wertvollste Minuten flossen in Richtung Hannover ab. Also band ich die Caddis ohne Fühler. Sozusagen eine gefühllose Caddis. Auch der imitative Bauch, am hellen Tage am Kreidefluss oder See sicher eine gute Sache, erwies sich als nicht ganz so nötig. Forellenzähne machten ihm schnell den Garaus und die Fliege fing danach nicht schlechter. So wurde die schöne „Goddard & Henry Caddis“ in meinen Fliegendosen zu einem unansehnlichen Rehhaarkeil, dem ich kaum mehr Zuneigung entgegenbrachte. In letzter Zeit binde ich sie wieder im Original, weil ich mich bekennend rückwärts entwickle und Freude daran habe, handwerklich besondere Muster am Leben zu erhalten. Dass der eine Namensgeber und Erfinder aus dem Namen verschwunden ist muss man den Amerikanern anlasten. Irgendein Dummerchen von Autor, ich weiß auch wer, will aber nicht nachtreten, ließ den Cliff Henry einfach weg. Der Handel verkaufte also die „Goddard Caddis“ und das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Über den Umweg USA und die dortigen Mega-Fliegenfirmen kam der Name dann falsch zu uns zurück.

Polypropylen in der gewünschten Farbe in 1 cm lange Stückchen schneiden und zu Dubbing vermischen. Mit diesem Material auf einem längeren Trockenhaken ein Körper winden.

Polypropylen in der ausgewählten Farbe als Flügel einbinden. Die Einbindestelle lackieren und für den Thorax genug Platz schaffen.

Die schwedische „Rackelhanen“, die einst die „Europea 12“ verdrängte, befindet sich zur Zeit selbst in einem Rückzugsgefecht mit der „Ismo“, gegen die sie an der Oberfläche keine Chance hat. Aber etwas tiefer bleibt sie unschlagbar. Ich binde sie wirklich ungern, weil sie am Bindestock so gar keinen Charme versprüht. Das heißt aber nicht, dass ich die „Rackelhanen“, mit der ich fische seit sie in „FiN“ vorgestellt wurde, gar nicht mehr binde. Im Gegenteil, ich habe sogar noch Originale von Kenneth Boström, mit dem zusammen ich mal Gast bei Preben Torp Jacobsen war, aber wir fischten auf Meerforellen in der Simested Au. Kenneth mit seiner Carbocane, Preben mit einer Selbstgehobelten, und ich mit einer Hardy Farnborough, so lange ist das her. Wir fingen zwar nichts, getreu dem Spruch sieben Tage, ein Fisch, aber ich erinnere mich noch die Carbocane auf der Wunschliste gehabt zu haben. Sie warf sich wirklich toll. Ist aber nie in meine Sammlung gekommen, die wegen Bambus DIY ohnehin vor der Auflösung stand. Ich trauere nur einer einzigen Rute nach, und das ist die Brunner Pielach. Aber ich habe das lacklose Taper und kann sie bauen. Wegen meines Ehrenwortes aber nur für mich. Doch zurück zur „Rackelhanen“, die ihren Namen ja deshalb trägt, weil sie keine Trockenfliege ist. Rackelhanen nennt man in Schweden die Hühner, die aus einem Auerhuhn und einem Birkhahn hervorgingen, und so eine Mischung ist die Fliege auch.

Aus der Dubbingmischung einen Thorax- und Kopfbereich winden, mit einem Whip Finish machen und die Fliege in Permaflote imprägnieren.

Permaflote. Teurer als Single Malt, schwimmt aber auch besser.

Die „Rackelhanen“ ist nur im Prinzip eine Trockenfliege, und für „up stream dry fly“ kann man sie benutzen, aber das ist nicht ihre Bank. Ihren eigentlichen Wert entwickelt sie stromab. Dazu muss man sie unbedingt gleich nach der Bindearbeit imprägnieren. Also binden, lackieren, trocknen lassen, und dann stipp, stipp, stipp, in the Dip, Dip, Dip! Hätte nie gedacht dass ich diese Worte mal in einem Artikel brauche, sie stammen aus eine uralten Otto-Aufführung. Ich kann keine Fliege in Permaflote tauchen, ohne daran zu denken. Ist eine „Rackelhanen“ vorbereitet, kann sie nämlich einen ganz besonderen Stunt. Sie taucht auf Zug und Nachlassen auf und ab. Daraus leiten sich mehrere Methoden ab die Fliege zu fischen. Man kann sie an der Oberfläche unbewegt treiben lassen, man kann sie mit 5 cm Zupfen ziehen, man kann sie zum Ufer schwingen lassen wie eine laufende Caddis oder schwimmende Puppe, oder man fischt sie an einem sinkenden Vorfach oder einer kurzen Sinktip und zieht sie in der Drift runter und gibt dann wieder Schnur, um sie auftauchen zu lassen. In der richtigen Situation eine unwiderstehliche Methode. Genau so hatte die „Rackelhanen“ 1967 am Vännean in Schweden angefangen. Die Forellen waren schon willig, aber Kenneth brauchte mehrere Tage, um ihnen auf die Schliche zu kommen. Die Fische nahmen nur die Köcherfliegen, die sich 10 bis 20 cm unter der Wasseroberfläche befanden. Ein lohnendes Ziel, gut erkennbar, mit wenig Energie zu erbeuten. Die aus dem damals noch neuen Material Polyproylen gebundene Fliege könnte einfacher und rauher nicht sein, und passend zur erwarteten Kritik wählte man den Namen „Rackelhanen“, passend zu den aus der Art gefallenen Kücken der fremdgegangenen Auerhenne. Dieses Rackelwild kommt nur dort vor, wo beide Hühner zahlreich leben, und gilt als besondere Jagdtrophäe. Der Name ist also in keinem Fall eine Abwertung.

Die Fibern sind nun mit Silikon und Wachs eingehüllt. Der Körper ist etwas dunkler, weil noch feucht. Jetzt kann man die Fliege tauchen und aufsteigen lassen.

Beide Fliegen, die von Goddard und Henry und die von Boström, können ähnlich gefischt werden. Ich favorisiere die „G&H“ für Seen und Talsperren und finde sie in kleinen Größen am Fluss sehr schön. Die „Rackelhanen“ hat aber grundsätzlich den Vorzug, wenn ich am Fluss fische. Ich habe sogar ein paar in Größe 6 und 4 für Steelhead gebunden und hatte Erfolg damit. Aber das ist lange her und war bei zwei denkwürdigen Reisen zu Martin Schmiderer. Die schwedische Fliege hat zudem den Vorteil, dass man sie leichter in vielen verschiedenen Tönen binden kann. Ich habe beide in der Box, nehme die „G&H“ sehr gern zum Suchen und die Schwedenfliege in der Sedgetime. Also wieder keine Entscheidung mit k.o., sondern ein knapper Punktsieg für die „Rackelhanen“. Das liegt natürlich daran, dass ich als Ringrichter völlig ungeeignet bin. Zumal ich inzwischen ein wahrer Könner bei der Herstellung der „Ismo“ bin…

Ingo Karwath

Permaflote