Ingo Karwaths Fliegenlexikon Nr. 5

„La Loue“, eine Fliegenserie für Äschen mit Abitur.

Die Fliegenserie „La Loue“ ist fester Bestandteil der Äschenfolklore und trotz ihrer Nähe zu unserer Zeit nicht mehr in den Medien präsent. Möchte man sich die Muster im Internet anschauen, dann klickt man viel vergeblich umher und findet schlussendlich nur die rosafarbene „La Loue no 1“. Und zwar falsch gebunden. Den nötigen rosa Balg, den man früher in jedem guten Laden kaufen konnte, findet man überhaupt nicht. Aber damit nicht genug, denn für die „Loue no 2“, die berühmte „Favorite de Chamberet“, benötigt man einen lila Balg. Ja, die Franzosen, möchte man sagen, Gauloises bleu links im Mundwinkel, Gläschen Roten, und dann spät am Abend solche Farben aus der Bindekiste aussuchen. Geht’s noch. Aber diese Kritik ficht die Serie „La Loue“ nicht an, gerade die ersten beiden hatten einen Ruf wie Donnerhall. In „Hohe Schule auf Äschen“ von Erich Stoll und Hans Gebetsroither steht dann auch lakonisch der Satz: „Die Produkte französischer Fliegenbinder sind zweifellos zu bevorzugen.“ Eine spezielle Fliege der Serie „La Loue“ empfehlen die beiden Autoren aber nicht. Hebeisen jedoch legte sich in seinem buchdicken Katalog auf die berühmte no 1, die Ameise no 5 und die Graue no 8 fest. Eine kluge Wahl aus dem Strauß der Möglichkeiten. Die Anatomie der kleinen Dinger ist nicht anspruchsvoll, aber Fliegen in Größe 16, 17 und 18 galten früher als komplizierte Bindearbeit, und für uns sind heute 16 und 18 die beiden Größen, in denen wir die Serie klassisch binden sollten. Man kann noch in Richtung 20 gehen, aber ab 22 ist es eher eine Fingerübung, die mit Chamberet nichts mehr zu tun hat. Außerdem, nicht anspruchsvoll heißt nicht anspruchslos, denn mit den wenigen Materialien, mit denen wir binden, muss man auch umgehen können.

no 1 La Loue.

no 1 La Loue. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hechelfibern, weiß; Körper: Kiel, rosa (rose saumon); Hechel: Hahn, rosa (rose saumon).

no 2 La Favorite.

no 2 La Favorite. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hechelfibern, creme; Körper: Kiel, ziegelrot (rouge brique); Hechel: Hahn, violet.

no 3 Badger Spinner.

no 3 Badger Spinner. Haken: Größe 14, 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hechelfibern, creme; Körper: Kiel, ziegelrot; Hechel: Hahn, badger.

Alle Körper werden entweder aus Kielen oder Federfibern gebunden. Die no. 1 , die no. 2, die no. 3 und auch die no. 4, und die no. 9 bis no. 12, werden mit gefärbten Pfauenkielen gebunden, und es mag ein Problem sein, die nötigen Farben zu beschaffen. Die no. 4 verlangt uns eine zweite Hechel ab, nämlich von der Flussseeschwalbe, und da sind wir juristisch raus. Eine kleine weiße Hennenhechel, zur Not gestutzt, bringt uns wieder rein. Die no. 5 stellt uns vor kein Problem, aber die no. 6 verlangt nach etwas Teichhuhn und wir behelfen uns da wieder mit Henne in „dark blue dun“ oder schwarz. Die no. 6 möchte Wasserralle verarbeitet sehen, und wir ersetzen mit Coch-y-bondhu, notfalls gestutzt. In der no. 7 lassen wir den Reiherfibernkörper weg und ersetzen mit grauem Truthahn. Die no. 9 verlangt im Original nach Teichhuhn, bekommt aber Henne, die no. 10 ist farblich anspruchsvoll, und die no. 11 ist zum Ausgleich einfach nur rot. Die no. 12 verlangt nach viel Schwefelgelb, und mit ihr endet die Serie La Loue bei De Boisset. Chamberet hat im Verkauf gern noch die no. 13 „Gloire de Neublans“, die no. 14 „Blond doré“ und die no. 15 „Amande“ hinzugefügt. Sie gehören nicht wirklich zur Serie, und ich nehme sie hier nur als Annex mit. Als Empfehlungen werden dem Äschenfischer angeraten, die no. 1 zum Saisonanfang, die no. 2 in der Saison, die no. 3 als Baetis imago mort, die no. 5 im September, die no. 9 als Baetis-Gruppenmuster und die no. 12 als Heptagenia sulphurea im September zu benutzen. Die no. 4 war die Lieblingsfliege von M. Paul de Beaulieu. Die no. 8 wird als „October Dun“ für Ausflüge am Martinstag hervorgehoben.

no 4 Blue Midge.

no 4 Blue Midge: Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: fehlt; Körper: Kiel, hell bleich; Hechel: Hahn, hell blue dun, Henne, weiß, eine Windung.

no 5 Brown Ant.

no 5 Brown Ant. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: fehlt; Körper: Fasanenfibern mit dunkeloranger Seide in der Mitte; Hechel: Hahn, coch-y-bondhu.

no 6 Blue Quill.

no 6 Blue Quill. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hechelfibern, dunkel grau; Körper: Kiel, natur; Hechel: Hahn, dunkel grau, Henne, schwarz, eine Windung .

Die Original-Bindeanleitung bei De Boissset nennt für die Körper immer wieder „corps au quill“. In einem späteren Kapitel geht er auf das Material ein und beschreibt, wie man Pfauengras auf einer Glasplatte mit einem angemessenen Schaber entfibert. Sprich Radiergummi. Im Erscheinungsbild der käuflichen Serie „La Loue“ aber, in Frankreich immer noch zu haben, finden wir nun Fliegen mit gefärbten Hechelkielen, mit geschnittenen Kielen, mit überfärbten Pfauenkielen und mit Kunstkielen. Was für ein schönes Problem, sich da zu entscheiden. Diese Uneindeutigkeit, die mich früher störte, nehme ich heute problemlos an. Aber wenn man schon eine klassische Serie bindet, dann auch ohne Veränderung. Nur der Pfauenkiel erzeugt den schlanken Leib mit der Bänderung in der Farbe. Je nachdem wie gut man bleichen und färben kann, oder wo und bei wem man gefärbte Kiele kauft, werden die Fliegen ein wenig verschieden sein. Aber das sind nur Nuancen. Wichtig scheint mir die Bänderung des Kiels unterhalb der Farbe. Selbst rosa kommt da noch segmentiert entomologisch rüber.

no 7 Smut.

no 7 Smut. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: fehlt; Körper: Fasanenfibern; Hechel: Hahn, dunkel rot, Henne, gelbbraun, eine Windung.

no 8 October Dun.

no 8 October Dun. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hechelfibern, hellgrau; Körper: Truthahn, grau (Reiherersatz); Hechel: Hahn, graugelb.

no 9 Olive Quill.

no 9 Olive Quill. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hechelfibern, oliv; Körper: Kiel, oliv; Hechel: Hahn, blaugrau, Henne, schwarz, eine Windung.

Es ist wirklich eine schön konzipierte Serie, und viele Gläser Wein und Bier sind geflossen, wenn diese Fliegen im Garten des Hotels Marienbrücke diskutiert wurden. Ich bin als junger Mensch etliche Male da gewesen, und die Fischerei und die Abende mit Hans Gebetsroither, mit Hansi Aigner und Walter Hitzenberger sind unvergessene Erinnerungen. Nach einer durchzechten Nacht in der Früh beim Walter noch Speck und Eier zu bekommen, war ein kulinarisches Highlight erster Güte. Beides war Hitzenberger Hausqualität und unvergleichlich gut. Die Marienbrücke war eine große Mausefalle, was die Zeit angeht, aber ich wünschte ich wäre noch mehr dort gewesen. Ich war zuletzt in einem viel zu warmen Herbst 1982 in der Marienbrücke, leidende und sterbende Äschen allenthalben, habe auf Barben und Döbel gefischt, und fuhr nie wieder hin. Äschen, die so waren und so kämpften wie die an der Traun, habe ich nie wieder erlebt. Ich hatte mal eine von den ganz Großen dran, nicht 50, eher 60 cm, die nahm im Randwasser die Fliege, flitzte fünfzehn Meter quer in den Strom, sprang hoch heraus und flüchtete zwanzig Meter stromab, sprang wieder und war ab. Der springende Fisch hing für einen Moment in der Sonne wie ein Tänzer, golden strahlend, die Rückenflosse handgroß aufgestellt, ein Bild von einem Fisch. Natürlich hatte ich immer auch die Gebetsroither-Stoll Fliegen dabei, „Braune Sedge“, „Jassid“, „Red Tag“, „Red Palmer“, „Tricolore“, die sandfarbene und die unigraue Hechelfliege. Die „Griffith Gnat“ war meine persönliche Geheimwaffe, in 22. Aber die aus dem Hebeisen Katalog nachgebundenen „La Loues“, zumal an meiner ersten Brunner, einer „Cheri“, ließen einen als junger Mann mal ganz vorsichtig an der Luft der Elitefischer schnuppern. Aber es war dann auch ein Franzose, ein Bretone, der Tischler M. Roger Bitton, der meiner Helden- und Kapitalenverehrung die Luft abließ. „Weißt du, Ingo, der ist der beste Fischer, der die meiste Freude hat“, sagte er einmal am Fluss, und strahlte eine kleine Bachforelle an. Na, und das ist bis heute mein Mantra. Ich möchte diese Freude fangen, mit leichter Hand, und genieße natürlich das Beiwerk schöner Ruten und Rollen, freue mich an Fliegen und Fängen, aber im klaren Wasser unter einem grünen Blätterdach in tiefer Freude komplett vergessen wer ich bin, das ist mein Pfad.

no 10 Purple Iron Blue.

no 10 Purple Iron Blue. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Goldfasan, rote Fibern; Körper: Kiel, purpur; Hechel: Hahn, Ofenhechel und dunkel lila.

no 11 Scarlett Quill.

no 11 Scarlett Quill. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hechelfibern, rouge vif (wird gern mit knallrot oder krebsrot übersetzt); Körper: Kiel, rouge vif; Hechel: Hahn, rouge vif.

no 12 Sulphur Dun.

no 12 Sulphur Dun. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hechelfibern, fahl schwefelgelb; Körper: Kiel, fahl schwefelgelb; Hechel: Hahn, fahl schwefelgelb.

Annex

no 13 Gloire de Neublans.

no 13 Gloire de Neublans. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hechelfibern, hellstes grau; Körper: im Sinne der Serie – Kiel, braun; Hechel: Hahn, hellstes grau.

no 14 Blond Doré.

no 14 Blond Doré. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hechelfibern, weiß; Rippung: Ovalgold, dünn; Körper: Dubbing, goldblond; Hechel: Hahn, ginger .

no 15 Amande.

no 15 Amande. Haken: Größe 16 und 18. Bindeseide: schwarz; Schwanz: Hahn, hellgrau; Rippung: Ovalsilber, dünn; Körper: Dubbing, mandelgrün; Hechel: Hahn, rotbraun und grau.

Ingo Karwath