Ingo Karwaths Fliegenlexikon Nr. 3

Finnischer Honig und die fast geheimen Lachsfliegen aus Suomi.

Vor ein paar Jahren entwickelte sich auf deutschen Weihnachtsmärkten ein Phänomen, das sich von den großen Städten dann sogar bis in die kleinen aufmachte. Mit einer Travestie von Sami-Bekleidung angezogen, verkauften in rustikal gestalteten Buden sehr nette junge Menschen finnischen Honig. Oben auf dem Dach nicht selten ein Elch aus Holz, rechts und links die finnische Fahne, Tannengrün und Birkenstämme. Keine Moskitos. Finnland hat ja eine Honigkultur, so wie andere Länder eine Weinkultur haben. Man bekam mit Holzstäbchen Proben gereicht, aber ich bin nicht so der Honigtyp und fand 5 Euro für 50 Gramm auch etwas teuer. Bei uns auf dem Wochenmarkt kosten 500 Gramm Imkerhonig 7,50 Euro. Aber, und das ist der Punkt, die Finnen sind anspruchsvolle Kenner, die gern ihren eigenen Weg gehen. Möchte man einen Artikel über Finnland und die Finnen mit einer besseren Idee als die mit dem Honig beginnen, dann stellt man vielleicht fest, so wie ich gerade, dass man wenig bis gar nichts weiß. So ein paar Gemeinplätze wie Helsinki, 1000 Seen, Marimekko, Matty Nykänen, Rauno Alltonen und einige gute Witze über General Mannaheim fallen einem ja ein, aber in der Substanz ist das nichts. Und das kann ich im Moment auch nicht ändern. Will ich auch gar nicht. Möchte man nur über finnische Lachsfliegen recherchieren, dann sollte man wissen, das Lachs „lohi“ heißt und Fliege „perho“, plural „perhota“. Damit fummelt man sich bei google bis zu ein paar hübschen Bildern, das ist der Zipfel der Wurst, und steht dann vor dem Problem ein paar Klicks weiter eine finnische Bindeanleitung übersetzen zu müssen. Die andere Möglichkeit besteht darin, bei einem finnischen Online-Bookstore nach Büchern zu suchen, und dann den Bestellvorgang zu meistern. Es gibt keinen Sprachbutton für Englisch, sorry. Mir ist es nicht gelungen. Meine Lösung war einfach zu schreiben, auf eine englische Antwort zu warten, und dann mit PayPal zu bezahlen. Hat man eine finnische Fliege gefunden, die man interessant findet, und will im Internet ihren Spuren folgen, tut man gut daran alle doppelten Vokale und Konsonanten auch korrekt zu tippen. Google hat anscheinend keine Algorithmen, die finnische Tippfehler eines Deutschen korrigieren. Man landet im Nirvana. Der rechtschreibliberale Schrotschuss, mit dem man bei uns auf der Suche nach „Göte“ zu Goethe gelangt, gelingt nicht.

Black Uppo Bomber. Haken: Double Gr. 4 bis 12; Tip und Tag: Ovalsilber, Dubbing, rot; Bindeseide: rot; Schwanz: Nutria, schwarz, 2 Hechelkiele; Rippung: Ovalsilber; Körper: Dubbing, schwarz; Hechel: Hahn, schwarz.

Sarvijaakko. Haken: Double Gr. 4 bis 12; Bindeseide: schwarz; Tip und Tag: Ovalsilber, Dubbing, rot; Schwanz: Nutria, 2 Hechelkiele; Rippung: Ovalsilber, Floss, chartreuse; Körper: Hasenwolle; Körperhechel: Hahn, grizzlybraun; Flügel: Nutria; Hechel: Hahn, grizzlybraun

Hvit Sarvijaakko. Haken: Double Gr. 4 bis 12; Bindeseide: weiß; Tip und Tag: Ovalsilber, Dubbing, rot; Schwanz: Nutria, weiß, 2 Hechelkiele; Rippung: Ovalsilber; Körper: Dubbing, weiß; Körperhechel: Hahn, weiß; Flügel: Nutria, weiß; Hechel: Hahn, weiß.

Über finnische Lachsfliegen ein paar Worte zu verlieren traue ich mir nach einiger Recherche nun zu. Die weltweite Fliegenszene ist ja für den Lachsfischer und Binder ein Füllhorn der Hoffnung, und da kann es nur wundern, dass bei mir jedenfalls alle Lachswochen seit Jahrzehnten immer gleich ausgehen. Ich stagniere! Ich fange einen Fisch, manchmal zwei, mit Glück auch mehr, aber zunächst ist jede Woche das Ringen um einen ersten Fisch. Je früher man ihn hat, umso besser, und der Montag ist der ideale Tag. Mittwoch ist auch sehr schön, denn das ist der „sledge day“, der Schlittentag, von dem ab die Woche zu ihrem Ende hin abrutscht. Donnerstag geht noch, Freitag kommt Pessimismus auf, Samstag Verzweiflung, Sonntag hat man verloren. Mein erster Fisch war mal an einem Starttag drei Minuten nach dem ersten Wurf, mein letzter erster an einem Sonntag um 10 Uhr, zwei Stunden vor Schluss. Wie also kann es sein, dass die vierzig Jahre fulminante Lachsfliegenweiterentwicklung am Ablauf einer typischen Lachswoche rein gar nichts geändert haben? Das bedeutet doch im Kern, dass dieser Fortschritt für die Katz‘ war, für die Tonne, ein fuchsiger Hauch von Nichts, ein braided nothing, ein UV Bermuda Dreieck. Es ist wohl so, aber alles in mir weigert sich diesen Gedanken anzunehmen. Ich glaube, dass Lachsfliegen keine physikalische Existenz haben, sondern eine psychosoziale. Schlicht gesagt, wir, die Szene, müssen an sie glauben, und ich, der Einzelmensch, ebenfalls. Dieser Glaube führt uns zu PMA, positiv mental attitude, sprich frustrationsfester Optimismus, und dann fischen und fangen wir. Und die beste Möglichkeit, zu diesem fängigen Optimismus zu finden, ist das weltweite Rosinenpicken. Man bedient sich durch alle Zeiten und Länder. Eine irische Shrimpfly, eine schottische „Munro Killer“, eine norwegische „Sunray Shadow“, eine schwedische „Templedog“, eine kanadische „Pompier“ und ein amerikanische „Bomber“ wären so eine Mischung. Das ist ein wenig so wie Tabak oder Rum blenden. Man nimmt vom Besten und mischt. Eine französische „Elorn“ und eine spanische „Narcea“ und eine isländische „Haugur“? Ja, schön, werden sie sagen, und was ist nun mit Finnland.

Gul Sarvijaakko. Double Gr. 4 bis 12; Bindeseide: rot; Tip und Tag: Ovalsilber, Dubbing, rot; Schwanz: Nutria, gelb, 2 Hechelkiele; Rippung: Ovalsilber; Körper: Dubbing, grün; Körperhechel: Hahn, gelb; Flügel: Nutria, gelb; Hechel: Hahn, gelb. 

Ake. Haken: Double Gr. 4 bis 12; Bindeseide: weiß; Tip: Ovalsilber; Schwanz: Nutria; Rippung: Ovalsilber; Körper: Dubbing, oliv und schwarz; Flügel: Nutria; Hechel: Henne, schwarz.

Pompero. Haken: Trockenhaken Gr. 4 bis 10; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Kalbschwanz, weiß; Körperhechel: Hahn, braun; Körper:  Polypropylendubbing, hellblau; Frontflügel: Kalbschwanz, weiß; Hechel: Hahn, braun:

Eine der ersten finnischen Fliegen, die in der Lachsszene Aufmerksamkeit erregte, war der „Black Uppo Bomber“. Den gibt es immerhin schon seit 1970, aber manche Dinge entwickeln sich eben langsam. Finnische Kollegen brachten die Fliege mit an die Gaula, und mit Jan Grünwald kam dann die überregionale Aufmerksamkeit. Der „Uppo“ hat zwei Besonderheiten, eine kann man sehen, eine kann man fühlen. Er hat hinten zwei paddelähnliche Fühler, die kann man sehen, und hat man eine sensible Hand, spürt man sein Gewicht. Da ist nämlich ordentlich Blei drin, und so fischt dieser Zwilling ähnlich wie eine Kupfertube.

Rimpauttaja. Haken: Double Gr. 4 bis 12; Bindeseide: schwarz;  Tag: Ovalsilber; Schwanz: Crest; Rippung: Ovalsilber; Körper: Floss, fluo grün, Floss, schwarz, Mylar, silber; Flügel: Bucktail, schwarz, 2 bis 4 Flashfäden; Hechel: Hahn, weiß.

Kultasirppi. Haken: Double Gr. 4 bis 12; Bindeseide: schwarz; Tip: Ovalsilber; Tag: Floss, fluo rot; Schwanz: Antron, fluo rot; Rippung: Fachgold ; Körper: Flachgold, holografisch; Flügel: Bucktail, braun; Hechel: Hahn, schwarz.

Panomies. Haken: Double Gr. 4 bis 12; Bindeseide: rot; Tip: Ovalsilber; Tag: Floss, fluo grün; Schwanz: Bucktail, fluo orange; Rippung: Flashabou, pearl und Ovalsilber; Körper: Floss, oliv; Körperhechel: Hahn, oliv; Flügel: Bucktail, oliv, 4 Fäden Flashabou; Fuchshaar, schwarz; Wangen: Dschungelhahn; Hechel: Henne, oliv.

Aus dem „Uppo Bomber“ entstand die „Sarvijaakko“, die im Moment wohl heißeste finnische Fliege. Der Sarvijaakko, der Zimmermannsbock, ist ein beachtlicher Käfer. Er wird bis zu 20 Millimeter lang, ernährt sich gern im Umfeld von Kiefern, und kann bei der Partnersuche zirpende Geräusche erzeugen. Seine Fühler können schon mal das Fünffache seiner Körperlänge erreichen, und er ist mit einer graubraunen Behaarung bedeckt, die ihn perfekt tarnt. Er ist der ideale Namengeber für die Lachsfliege „Sarvijaakko“, die so langsam den Mainstream des Lachsfischens ansteuert. Sie nur eine Weiterentwicklung des „Uppo Bombers“ zu nennen finde ich falsch, dazu ist sie zu eigenständig. Viele Fliegenbinder lassen sie Seitenpaddel weg, aber ob man sie nun wichtig findet oder nicht, sie sehen in jedem Fall cool aus. Die kleine Mühe lohnt sich. Man hat außerdem bei der Fischerei das gute Gefühl, dass man ihr einen Drittelreiz der „Frances“ mit auf den Weg gegeben hat. In letzter Zeit bekam die „Sarvijaakko“ viel Presse, und man hat den Eindruck, das Pendel schwingt wieder weg von den schleppfliegenähnlichen Langhaarfliegen zu erkennbaren kompakten Lachsfliegen. Das muss ja auch so sein. Die Fuchsgeneration um Norling und Frödin hat das Thema extrem gut abgearbeitet und geht auf die Rente zu. Und eine neue Generation von heißen Lachsfischern kann nur mit neuen Fliegen Karriere machen. Das war schon immer so. Lachse können Fliegen nur bebeißen, beschreiben können sie sie nicht. Auf die neuen Meinungsbildnergenerationen darf man gespannt sein.

Kotkan Kertu. Haken: Double Gr. 4 bis 12; Bindeseide: rot; Tip: Ovalgold; Tag: Floss, fluo pink; Schwanz: Bucktail, rot, blau, gelb, orange; Rippung: Ovalsilber; Körper: Mylar, pearl; Flügel: Bucktail, rot, blau, gelb, orange; Hechel: Hahn, blau.

Lapin Löytö. Haken: Double Gr. 10 bis 16; Bindeseide: rot; Tip: Kristal Hair, pearl; Schwanz: Kristal Hair, pearl; Rippung: Ovalsilber; Körper: Floss, schwarz; Flügel: Bucktail, schwarz; Hechel: Hahn, schwarz.

Pikku-Musta. Haken: Double Gr. 10 bis 16; Bindeseide: schwarz; Schwanz: Antron, grün; Rippung: ohne ; Körper: ohne; Flügel: Fuchs, schwarz, zwei Fibern Flashabou, freie Wahl, gerne blau; Hechel: Henne, schwarz.

Im Gefolge der „Sarvijaakko“ wurde die Bindeszene auf Nutria aufmerksam, gemeinhin auch als Biberratte bekannt. Ein durchaus gefährliches kleines Tier, dass Deiche durchwühlt und schon etliche Jagdhunde auf dem Gewissen hat. Bei uns in der Gegend gibt es für Fang oder Abschuss eine Prämie. Ich kenne aber Jäger, die ihren Hund nicht da arbeiten lassen, wo es Nutria gibt. Sie sind sehr wehrhaft, haben geradezu gewaltige Zähne und verursachen hohe Tierarztrechnungen. Wer nicht mit einer schallgedämpften 17ner Anschütz selbst auf die Pirsch gehen möchte, schießt sich Biberratte wohl besser im Bindehandel. Ich habe einen Jagdschein und das passende Kaliber – und kaufe mir meine Fellstücke. Mit Hund wollte ich da nicht ran. Labradore sind ja eher friedfertig und meine können immer nur Ente. Nutria ist sehr sperrig und die Haare sind unterschiedlich lang. Es verwandelt jede noch so klassische Fliege in etwas Neues. Außerdem haben die Finnen einen Hang zu Doppelhaken und bevorzugen nicht selten das abwärts gebogene Öhr. Das ist eine Vorliebe, die ich bei meinen Meerforellenfliegen seit langen Jahren mit dem R1A pflege und auch jetzt erst ein wenig auf meine Lachsfliegen übertrage. Zwischen lauter hochnäsigen Fliegen ist so eine abnasige Fliege irgendwie besonders. Als wollte man bescheiden auf Forelle fischen und erwartet den Lachs nur so nebenbei. Wie schon gesagt, Fliegen sind nicht dinglich. Welche der hier vorgestellten finnischen Fliegen den Weg in Ihre Dose der Zuversicht finden wird kann ich nicht ahnen, gut sind alle, und vermutlich ist es richtig zunächst mal in einiger Breite an das Thema heranzugehen und mit den Erfolgen dann die Sammlung in Richtung der Favoriten auszudünnen. Bei mir ist das längst geschehen, aber ich will Ihnen ja nicht die Freude nehmen den Weg selbst zu finden. Jede dieser Fliegen hat das Potenzial eine Lachswoche zu einer bemerkenswerten Zeit zu machen. Ach, und in Finnland gibt es wohl 188.000 Seen. 

Ingo Karwath