Ich zieh‘ alleine los

Dieser Artikel hat damals ein paar Abgründe der Leserbriefschreiberei aufgerissen, die zur dunklen Seite der Hassmails nicht mehr viel Platz haben. Da unter jedem dieser Briefe ein Name steht, bleibt es ebenso dokumentiert wie mein Text. Ich bringe ihn gerade deshalb mit Vergnügen noch einmal. Ich sollte ja provozieren. Und natürlich gehe ich lieber mit Udo einen halben Tag stippen als allein eine Kimbridge Tageskarte zu haben. Einige andere Dinge stimmen auch nicht. Golf spiele ich nicht mehr. Laufen macht mein Knie nicht mehr mit. Und ich bin etwas toleranter geworden gegen Schnacker – aber nicht viel.

Nicht erreichbar zu sein ist der Luxus unserer Zeit. Für nichts und niemanden. Darum schätze ich unsoziale Sportarten, Wathosen und Wasserfahrzeuge. Ich laufe jeden morgen früh vor sechs, und im Golfclub denken die anderen ich bin tot. Ich spiele nur kurz bevor die Sprinkler angehen. Das Jagen habe ich aufgegeben, denn das Schlimme an der Gesellschaftsjagd ist die Gesellschaft. Mit der Angel am Ufer zu sitzen finde ich unerträglich. Kaum hat man seine Sachen ausgepackt und hofft auf einen Moment der Ruhe, kommt von irgendwo der größte Kommunikationsidiot der Gegend und sülzt einen voll. Warum der Angler als solcher aller Welt als gesprächsbereites Freiwild gilt, ist mir ein Rätsel. Die meisten Witze über uns kolportieren doch, dass wir Ruhe suchen.

Dabei bin ich ein durchschnittlich umgänglicher Mensch, darf und muss beruflich sozial sein, koche und werde bekocht, gehe zu Partys und schwinge sogar zur Begeisterung der Frauen militanter nicht tanzender Ehemänner, und meiner eigenen, hier und da mal gekonnt das Tanzbein. Nicht wie Günter Grass, aber immerhin. Aber am Wasser, verdammt und zugenäht, will ich meine Ruhe. Hakon Norling hat mir mal den schönen Spruch mit auf den Weg gegeben, dass das Lachsfischen genau die richtige Zeit für Egoismus ist. Er dachte an Stück und Kilo. Inzwischen finde ich, das gilt für das Fischen insgesamt. Und ich denke an Erlebnisse. Und nun fangen Sie mit mir keine Neiddebatte an, denn natürlich finde ich es völlig okay, wenn Sie im Pool vor mir einen fetten Lachs fangen. Oder weiter werfen können. Oder schöner. Ihr Auto dicker ist und ihre Frau dünner. Ist ja alles wunderbar! Ich will nur nicht drüber reden müssen. Ich will meine Ruhe. Ich will fischen. Fischen!

Am dänischen Strand. Mit Selbstauslöser 🙂

Hartmut von Hentig, den müssen Sie nicht kennen, hat mal den Satz geprägt, der Fernseher sei das Lagerfeuer des 20. Jahrhunderts. Die großen und kleinen Erzählungen der Menschheit, die früher am Feuer ausgetauscht wurden, schauen wir uns heute von der Couch aus an. Mit Chips, Cola und Selbstgedrehten, oder Kaviar, Champagner und Cohiba. Egal, Couch ist Couch, nicht wahr. Und kommen wir dann mal in den Dunstkreis lodernder Lagerfeuer, echter Geschichten, richtiger Menschen, dann fällt diese ganze zivilisatorische Kruste von uns ab und wir genießen, was uns die eigene Geschichte mit auf den Weg gegeben hat. Feuer und Geschichten. Das ist die soziale Falle der Angler und Jäger. Sie sitzen und räsonieren, schlagen sich gegenseitig auf die Schultern, klopfen sich die Schenkel vor Vergnügen, und im dunklen Wasser der Pools schleichen sich die Lachse den Fluss hoch. Das Feuer brennt und prasselt, der eine erzählt von Alaska, der andere von Patagonien, und im Fluss zu ihren Füßen schwimmen die Fische, von denen sie dann später wieder am Lagerfeuer in Alaska und Patagonien erzählen.

Darum gibt es einen Tipp, den kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Meiden Sie die Lagerfeuer. Oder Kamine, Öfen, Tresen oder was auch immer. Eine Falle ist so böse wie die andere. Das primäre Erlebnis des Fischers ist das Fischen. Darum fährt man an die Ostsee, fliegt nach Norwegen, nach Kanada. Zum Fischen. Es gilt das Primat des Primären. Da man aber sonst zivilisiert vorm Fernseher hockt und sich das Leben anderer als Konserve anschaut, kann man ein Lagerfeuer und sich selbst sehr leicht als so authentisch erleben, dass man darüber vergisst warum man kam. Zum Fischen.

Mit Eric und Stu am Sustut. Erster Fisch am letzten Tag für Stu. Nach Sprint mit GoPro.

Darum zieh’ ich so gern alleine los. Ohne Freunde, wirklich allein. So wie Balu im Dschungelbuch. Ich fühle mich absolut wohl und geborgen in Bellyboat, Kanu und Kajak. Oder allein mitten im Fluss, am dunklen Strand, an der finsteren Au. Ich weiß es ist unvernünftig, aber ich möchte keinen Freund in Rufweite haben und auch hinterher nicht von meinen Erlebnissen erzählen. Ich will damit allein sein, denn ich bin so viel mit anderen zusammen, dass mir diese Fähigkeit sonst verloren gehen könnte. Ich bin kein Einzelkämpfer, denn ich kämpfe ja nicht, ich bin ein Einzelerleber, ein Einzelgenießer. Fischen ist eine einsame Angelegenheit für einen Menschen allein. Selbst wenn man mit Freunden geht, fischt man letztlich allein. Ganz allein fischen und den Teil des Ich bezwingen, der anderen zeigen und berichten möchte, das ist es was ich suche. Ich will Ihnen nicht meine Rute, meine Rolle und meinen Fisch zeigen, so ähnlich wie in dieser Sparkassenwerbung. Und halten Sie mir Ihr Zeug nicht unter die Nase. Ich möchte Ihre Freiheit nicht berühren, und Sie sollen nicht an meine kommen. Wenn meine Lachswoche um ist, dann können wir gern eine Woche lang Würstchen grillen und Schenkel klopfen. Vorher nicht. Und obwohl das so einfach ist, muss man sich dafür auch noch rechtfertigen. Mach‘ ich aber nicht.

Ingo Karwath