Editorial

Du bist nicht du selbst, wenn du deine Schollen mit gekauften Bleien fängst!

Liebe Fliegenbinder und Fliegenbinderinnen!

Heute vor 50 Jahren bist du durch New York marschiert, sagte meine Frau beim Frühstück, und das war kein Gedanke, der mir von allein gekommen wäre. Ich hatte mich schon in Kiel freiwillig zum Ehrenzug der „Gorch Fock“ gemeldet und wir hatten wochenlang und dann auch auf See trainiert und marschiert und Griffe gekloppt, wie man sagt. Die Steuben Parade war sozusagen die Belohnung. Nun bin ich zwar älter geworden seither, aber der Spruch, Männer werden sieben, und dann wachsen sie nur noch, gilt in besonderem Maße für mich. So ein zwei Wochen nach New York waren wir in Baltimore, und dort kaufte ich „Nymph Fishing for Larger Trout“ und ein Paar Florsheim Schuhe und war im Playboy Club und fand dort sogar eine Freundin mit langen Plüschohren. Ich war ganz niedlich damals. Das Buch hab‘ ich noch. Eine von den zwei Fenwick FF aus dem PX in Newport ebenfalls. Vielleicht wird das Buch im kommenden Quartal wieder an Bedeutung gewinnen, aber zunächst einmal geht es an den Strand, und wie es im Sommer so ist, Forellen kann man vor 20 Uhr eigentlich nicht erwarten. Früh aufstehen fällt mir schwer, ich schlafe exzellent und gern. So von 21 Uhr bis Mitternacht fischen ist eigentlich auch zu spät für mich, aber wenn man schon mal da ist und der Wind stimmt, gibt es keine Ausrede. Muss man machen. Ich freue mich auch sehr aufs Brandungsangeln mit meinem Enkel, der dafür zwar noch nicht die rechte Geduld hat, aber sehr sportlich ist und gerne einkurbelt. Meine Berührungsängste mit anderen Angelmethoden habe ich vollständig verloren, und ich hätte mich früher geschämt eine andere Angel als eine Fliegenrute auch nur anzufassen. Ich nenne diese anderen Methoden gern Schilfsitzen, und daran mag ich mich nicht nur wonnig erinnern, sondern ich gehe auch los und tu es, wenn’s denn mit einer runden Rolle ist und ohne Wurm. Ein Wurm ist mir zu viel lebendige Kreatur. Soviel Macke muss sein. Na ja, und ich werkel alles selbst, was man so werkeln kann. Kaum zu glauben, dass du gekauften Wein trinkst, sagte mal ein Freund, aber wer die Schollen gefangen hat, muss nicht auch noch keltern. Ich hoffe auf so einige Filets und einen schönen Sommer, und den wünsche ich allen Leserinnen und Lesern auch. Der FliegenBinder macht zwei Monate Sommerpause.

Herzlichst und Tight Lines

Ingo Karwath, am 4.7.26