Der Eisbader

Zu einem Hüttenurlaub gehören das Bier und die Wurst des Vertrauens. Nachdem ich im Herbst zwei Stracke mithatte, war es diesmal ein angeräucherter Feldkieker. Am zweiten Abend bin ich auf Ditmarscher Trübes umgestiegen, denn regionale Biere finde ich immer spannend. Regionale Wurst nur bedingt.

Können Sie sich noch an „Troja“ mit Brad Pitt erinnern, als Agamemnon mit seinem Heer dem von Triopas gegenübersteht und Achilles den Hünen Boagrius mit Leichtigkeit besiegt und dann fragt: Ist das alles? Ist das wirklich alles? Genau das ist die Frage, die man auch seiner Frau stellen muss, wenn man das Auto für eine gemeinsame Ferienhausreise belädt. Bei korrekten Angelreisen gehört die ganze Ladefläche mir, aber ist das nicht der Fall, rechne ich mit dem urplötzlichen Auftauchen weicher Taschen bis zum letzten Moment der Abfahrt. Denn weiche Taschen, das hat sie gelernt, werden eher toleriert als harte Koffer. Zuletzt musste ich da ganz kleine Brötchen backen, denn sie hatte die Hütte gebucht und bezahlt und war Urheberin der Idee, zum 4ten Geburtstag unseres Enkels ein paar Tage an die Eckernförder Bucht zu fahren. Ich war nur der Spediteur dieser Planung, und hatte eine 7er Rute, meine Weste und eine Wathose hinter dem Fahrersitz versteckt. Zwar ergaben sich vor Ort etliche Pflichten, die u.a. mit dem Geburtstag und dem Aufbau von Ikea Möbeln zu tun hatten, aber es gelang mir mich dreimal für je zwei Stunden ans Wasser zu schleichen.

Mal wieder mit der Tochter am Strand zu sitzen war auch sehr schön, denn unser letztes Angelbild ist Jahre her.

Auch Janne, unser Labrador, machte sich mit auf den Weg zur ersten Sandbank, zog es dann aber vor am Strand nach interessanten Dingen zu suchen. Das entsprechende Kommando ist: Aus! AUS!

Ich habe zwar nichts gefangen, aber ergebnislos kann man es trotzdem nicht nennen. So früh habe ich noch nie in der Ostsee gestanden, das Wasser hatte 1 Grad, und meine neue, für nur 99 Euro erworbene Neopren Wathose mit Stiefeln mit Filzsohle hat sich gleich bewährt. Supergemütlich, schnell anzuziehen, schnell auszuziehen. Aus der Gummifischszene. Die haben auch gute Sachen. Mit GoreTex hätte ich da nicht stehen wollen. Am zweiten Tag hatte ich sogar einen kräftigen Biss auf „Mulkkis“ in der ersten Badewanne, ein Ruck, Kontakt, Sekunden nur, und ab. Da sich nichts weiter ergab, schließe ich Grönländer aus. Ich nehme an es war eine Flunder, welche die etwas wärmere Badewanne aufgesucht hatte. Für Binnenfischer: Die tiefe Rinne zwischen der ersten Sandbank und dem Strand. Ich hoffe sehr es war ’ne Platte. Blankfisch wäre tragisch. Ein Seeadler suchte die Küstenlinie ab und interessierte sich sehr für einen jungen Schwan, der frisch verstoßen depressiv an der Wasserkante lag. Aber ich war wohl zu nah dran für eine Attacke. Im Wasser zeigte sich kein einziges Lebewesen, und es war klar wie Gin. Die kleine „Mulkkis“ war weithin erkennbar, und ich habe sie nicht ausgewechselt. Nicht ein Knoten im Vorfach sprach für einen jahreszeitlich schon recht guten Stil, obwohl der Wind über die rechte Schulter kam. Die Zigarre am Strand schmeckte wunderbar und ich war, auch völlig ohne Fisch, sehr zufrieden mit mir. Die 50er Rolle fand ich so untrainiert etwas schwer, letztlich auch too much, aber ich war halt zu faul mein Herbstsetup zu ändern. Da fische ich dieselbe Ausrüstung an der Küste und im Fluss. Nun hoffe ich sehr nächstes Jahr beim fünften Geburtstag wieder der Spediteur zu sein. Das Wort ‚müssen wir wiederholen‘ war schon zu hören.

Ich hätte mit einem Rad zum Strand fahren können, im Schuppen stand eine kleine Auswahl, aber den Kilometer bin ich lieber gelaufen.

Die „Mulkkis“ ist kurz vor Hauptdose. Ganz kurz.

Ingo Karwath