For international readers: Anting the hatch is still working.
Die groteske Riesenameise hat sich einen Platz im Fliegenfischen erobert, und ganz unabhängig davon, dass es nicht mal im Regenwald Vorbilder für sie gibt, haben sich etliche Schaumstoffmuster mit dem Namensteil „Ant“ etabliert. Von denen ich hier nicht berichten will. Sie gehen mehr oder weniger alle auf die „Chernobyl Ant“ zurück, und auch wenn ich keinerlei Vorbehalte gegen solche Fliegen habe, muss man die Heupferde, Käfer, Taranteln und Ameisen aus Ethafoam wohl als eigene Gruppe begreifen. Ihre Wirkung ist oft ‚nur‘ das „V“, also die Furche, die sie an der Oberfläche ziehen. Man hat ihnen allerlei Körperteile mit auf den Weg gegeben, die an ein Insekt oder Spinnentier erinnern sollen, aber im Prinzip sind sie getarnte Oberflächenstreamer und umgehen die „Streamer verboten“ Zeile auf so manchem Angelschein. Fängt man also eine vierpfund Bachforelle mit einer 6er „Chernobyl“, hat man sie nicht wirklich trocken gefangen, aber irgendwie eben doch. Das muss man mit sich selber abmachen. Nein, hier soll es um echte Ameisen gehen, besser um falsche, gebundene, die aber vom Format im Imitationsbereich der Ameisen bleiben und genommen werden, weil ein Fisch sie mit einer Ameise verwechselt. Was eine 4 Zentimeter lange Ameise eher nicht für sich beanspruchen kann.

McMurray Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 12 bis 18, Bindeseide: schwarz; Körper: 2 Balsaholzzylinder auf einer Nylonseele; Hechel: Hahn, schwarz. Aus den 50er Jahren – ein Aufruf zur Bescheidenheit.

Red Flying Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 12 bis 18; Bindeseide: rot; Abdomen: Dubbing, rot; Flügel: 2 Hechelspitzen, weiß; Hechel: Hahn, braun; Thorax: Dubbing, rot. Lässt man die Flügel weg, hat man eine „Fur Ant“.

Deer Hair Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 12 bis 18; Abdomen: Straußengras, schwarz, unter Bucktail, schwarz; Hechel: Hahn, braun; Thorax: Rehhaar, schwarz. Darf gern etwas unordentlich sein.

Carpenter Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 12 bis 14; Bindeseide: braun; Abdomen: Dubbing, dunkelbraun und rot; Flügel: Hechelspitzen, braun; Hechel: Hahn, braun; Thorax: Dubbing, braun. Ein großer, altgedienter Klassiker.
Im Prinzip gab es schon immer fängige Ameisen und es spricht nichts dagegen, einer Dubbing-Ameise zu vertrauen. Aber die Binderei hat sich natürlich fortentwickelt und hat etliche neue Formen gefunden, und auch wenn es Spaß macht, eine Ameise im Stil des 19. Jahrhunderts zu binden, mit Segmentflügel womöglich, ist es natürlich auch eine Freude sich mit modernen Ameisen zu beschäftigen. Und über den Tellerrand zu schauen, wie auf anderen Kontinenten gebunden wird. Außer in der Antarktis gibt es sie nämlich überall, die Ants. In der Regel bindet man die Muster als Trockenfliege, aber auch nasse Muster haben ihre Berechtigung, und eines der neuesten ist sicher die „Drowned Ant“ aus den USA. Da wird die Perle zum Thorax und es entsteht eine absolut glaubwürdige, tief ertrunkene Ameise. Ob sie als Imitation je selektiv genommen wird, wage ich zu bezweifeln, aber in jedem Fall ist es eine gute Idee, eine natürlich anmutende Nahrung zu fischen. Kulturell deutlich über einer Käsenymphe. Vermutlich deckt die Ameise damit von der 4 cm langen „Chernobyl Ant“ bis zur 16er Jig-Ant mehr Bereiche ab als jedes andere Insekt. Trotzdem bleibt sie merkwürdig unscheinbar, so wie es auch in der Natur ihre Natur ist. Die gewaltigen Bauten afrikanischer Ameisen und die beeindruckenden Hügel unserer Waldameisen sind zwar weithin sichtbare Heimstätten, aber sind ihre Bewohner erst einmal im Bodenbewuchs verschwunden, sind sie auf dem Niveau von Elitesoldaten unterwegs. Navi inklusive, denn sie folgen erkannten Spuren. Trotzdem kommt es immer wieder zu Unfällen und Ameisen gelangen ins Wasser, eine Königin jedoch bringt alle 10 Minuten ein Ei für eine Arbeitsameise hervor und lebt bis zu 20 Jahre. Also 144 am Tag, 52.560 im Jahr, 1.051.200 Nachkommen im Leben. Wie schön für die Fische, dass sie da ihren Anteil bekommen. Von Edward Ringwood Hewitt wird ja berichtet, er habe Ameisen gegessen, um zu kosten warum Forellen sie so mögen. Hewitt studierte in Princeton, später in Berlin, und wurde in der Autoindustrie reich und 91 Jahre alt. Es hat ihm also nicht geschadet.

Parachute Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 12 bis 18; Bindeseide: braun; Abdomen: Dubbing, braun; Flügel: Turkey Flat Fibern, weiß: Hechel: Hahn, braun, Parachute gebunden; Thorax: Dubbing, braun. Oft die beste Bindeweise.

Foam Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 12 bis 18; Bindeseide: schwarz; Abdomen und Thorax: Foam, schwarz, über Straußengras, schwarz; Hechel: Hahn, schwarz. Schwimmt sehr gut.

Bionic Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 10 bis 16; Bindeseide: schwarz; Körper: Foamzylinder, schwarz; Flügel: Polypropylen, weiß; Beine: 2 Gummibeine, orange; Hechel: Hahn, braun. Knapp unterhalb der Foam-Critter.
Ameisen sind natürlich unter Fliegenfischern ein ganz alter Hut, und lassen sich als Fliegenmuster bis ins 18. Jahrhundert, womöglich 17. zurückverfolgen. Obwohl sie ja ein Wunder in sich sind, mit ihrem Lebenszyklus, mit ihrem Verhalten, mit der Lebensspanne der Königinnen, haben Ameisen natürlich den halfordschen Makel nicht zu schlüpfen, nicht wasserbürtig zu sein, und auch die Meister der Nymphe konnten ihnen nichts abgewinnen. Aber wie wir alle wissen sind sie trotzdem eine Macht, wie jeder Zelt-Camper berichten kann. Der eher als Rutenbauer und Auktionator bekannte Udo Hildebrandt hat erweiterte Fähigkeiten, auf spanischen Zeltplätzen Ameisen mit einem breiten Pinsel und Marmelade vom eigenen Zelt wegzulocken. Aber das nur nebenbei. Das Erwachen der Ameisen ist ein ganz sicheres Zeichen für das Frühjahr, und kaum hat man die ersten Krabler im Haus, wird es Zeit die Trockenrute zu richten. Die Saison fängt an. Die kleinen Ameisen, die uns in der Küche so ärgern, haben in der wilderen Natur größere Kollegen, und die landen wegen ihrer Emsigkeit mit schönster Regelmäßigkeit im Wasser. Daraus ergibt sich, dass die typische Ameisensilhouette den Fischen vertraut ist. Daraus wiederum ergibt sich die Technik des „anting the hatch“, also mitten im schönsten Schlupf das Insekt der Stunde zu ignorieren und eine Ameise zu fischen. Während die Kollegen noch immer nach der richtigen Schattierung von olivgrau suchen und die richtige Fliege nicht finden können, fängt der Ameisenfischer eine Forelle nach der anderen. Dass das kein Einzelfall ist erkennt man allein daran, dass es den Begriff überhaupt gibt. Ameisen sind eine natürliche Nahrung, die während der ganzen Saison am und im Wasser vorkommt, und das macht sie für den Trockenfischer zu einer Bank.

FLA. Front Loader Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 12 bis 18; Bindeseide: braun; Abdomen: Dubbing, braun; Flügel: CDC, Polypropylen in Sichtfarbe; Thorax: Dubbing, dunkelbraun; Hechelträger: Flexyfloss; Hechel: Hahn, grizzlybraun. Komplexe Bindeweise, aber lohnend.

HFA. Haropp‘s Flying Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 12 bis 18; Bindeseide: braun; Abdomen: Dubbing, gern Superfine in braun, mahagony und cinnamon gemischt; Flügel: Federsegment, Ente, weiß, mit Silikon verfestig; Ausleger: rechts und links je ein Elchhaar, ideal „hock“, vom Bein; Hechel: Hahn, braun oder cree; Thorax: Dubbing, wieder Superfine, mahagony. Für ganz kritische Fische.

Weewam Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 14 bis 16; Bindeseide: schwarz; Körper: 2 Segmente einer Weewam Schubladenmatte; Flügel: Turkey Flat Fibern oder Polyproypylen, weiß; Hechel: Hahn, grizzly. Super originell.
Ein besonderer Zeitpunkt im Jahr ist der Hochzeitsflug der Ameisen. Jungköniginnen und geschlechtsreife Männchen, die es allein zu diesem Zweck gibt, bekommen Flügel und bei idealem Wetter, sonnig, warm, windstill, starten von ihrem Heimatnest zum großen Flug. Die Begattung findet in der Luft statt, und die Königinnen werden den Samen für ein ganzes Leben speichern. Die Männchen fallen zu Boden, verlieren ihre Flügel und sterben. Die Königinnen müssen sich ihre robusteren Flügel teils abbeißen und gründen neue Kolonien oder schließen sich alten an. Findet dies alles in der Nähe von Wasser statt, kann man damit rechnen, dass viele Ameisen im Fluss landen. Die Umstände also, dass Ameisen so zahlreich und weitverbreitet vorhanden sind, und ihre so typische Körperform, machten sie zu einem beliebten Vorbild für Fliegenbinder. Kann auch sein dass unser Unterbewusstsein uns zu taillierten Lebewesen im Besonderen hinzieht, aber das möchte ich hier nicht weiter erörtern.

Tactical Ant. Haken: Trockenhaken Gr. 12 bis 18; Bindeseide: schwarz; Körper: Floss, schwarz, UV; Flügel: CDC, natur; Hechel: Hahn, braun. Sieht trocken aus, schwimmt aber eher nicht.

Wire Ant. Haken: Nasshaken Gr. 12 bis 18; Bindeseide: schwarz; Abdomen: Draht, rot; Hechel: Hahn, Thorax: Draht, beige. Genial, einfach, schwer.

McCafferty Ant. Haken: Nasshaken Gr. 8 bis 12; Bindeseide: schwarz; Abdomen und Thorax: Floss, schwarz, UV und/oder lackiert; Hechel: Henne, schwarz. Ein Muster aus den 40iger Jahren. Oh, muss ich noch einmal vor die Kamera holen. Widerhaken vergessen!

Drowned Ant. Haken: Gr. 12 bis 16; Bindeseide: braun; Kopfperle: Tungsten, schwarz; Fühler: Hechelfiber, braun; Hinterkörper: Floss oder Bindeseide, braun, UV; Hechel: Henne, braun; Thorax: Dubbing, peacock. Sehr neu, sehr clever.
Ingo Karwath