Mosche Facocchi!

For international readers: Start ‚tying‘ them! The famous Facocchi flies from Rome.

Eine einzelne Trockenfliege, die 5,90 kostet, sollte schon wegen des Preises unser Interesse wecken. So wenig reizvoll es für den Fliegenkäufer sein mag, davon ein paar Dutzend zu kaufen, umso interessanter ist es für den Binder, solche Objekte herzustellen. Damit können wir ein klein wenig die Kohle rechtfertigen, die wir für sinnloses Material in 6 Euro Tütchen pro Jahr raushauen. Die römischen Brüder Di Santi, Valter und Ennio, auch bekannt unter dem Spitznamen „I Facocchi“, haben einen besonderen Beruf, denn sie sind oder waren das, was wir wohl Stellmacher oder Kutschmacher nennen. Eigentlich Tischler, aber mit der besonderen Qualifikation „cocchi“ zu bauen, Pferdewagen und Kutschen. Beide Brüder haben nie geheiratet, und teilen ihr Zuhause mit zahlreichen geliebten Katzen. Beide sind begeisterte Fliegenfischer, und wenn man in italienischen Berichten liest, dass die Nebenflüsse des Tiber gute Forellen beherbergen, dann sehe ich im Prinzip Fiffi vor mir, unseren schrulligen Lateinlehrer. Er hatte täglich ein Schwarzbrot mit Käse dabei und hieß darum auch Käse-Reuther. Ein Mann wie aus der Feuerzangenbowle, dem Professor Schnauz mehr als ähnlich. Valter und Ennio sind eher stille Originale, und da sie mit den üblichen Trockenfliegen nicht zufrieden waren, erfanden sie einen völlig neuen Typ, die Facocchi Fliege. Das muss noch im letzten Jahrtausend gewesen sein, also den 1990er Jahren, denn 2004 kamen erste Fotos auf, und die Gerüchteküche brodelte. Ich nehme an die beiden Brüder wollten eine Fliege haben, die man nachträglich auf einen Haken ködert. Außerdem hatten beide wohl Fähigkeiten eine Peitsche zu flechten oder Verzierungen zu knüpfen, und so fügte sich ihr genialer Einfall zusammen. Es gibt ja nur ein winziges Zeitfenster, einem wahren Erfinder seine Erfindung zu klauen, und unter eigenem Namen populär zu machen. Das klappt häufig, aber hier eben nicht. Ehrenhafte Männer stellten sich vor die Di Santis. Die ersten Facocchis hatten wohl noch keine eingebundenen Haken, denn auf den frühen Fotos sind sie hakenlos. Man fädelte sie auf. Was sich bald änderte. Es bewährte sich ein unter der Hechel eingeknoteter Trockenhaken mit up eye. Leider sind diese Haken schwer zu bekommen, der Handel bevormundet uns, aber das ändern wir einfach gemeinsam. Fragen, bestellen, nachfragen. Oder mit dem Geld ins Ausland abwandern.

Man beginnt mit einem Schlaufenknoten, in den man ein Körpernylon einknotet. Hier 28er Seele in hell, 25er Körperfaden in dunkel. Die Seele wird zwischen zwei Haltepunkten gespannt.

Als Nicht-Italiener steht es mir nicht zu, in den Streit um die geklöppelten Fliegen einzugreifen. Aber es gibt eine zweite Erzählung, und die geht auf den Seidenschnurweber Terenzio Zandri zurück, der Anfang 2023 leider verstarb. Er hatte Bisse auf Knoten beobachtet, wie man sie zwischen Seidenschnur und Vorfach macht. Daraus ergab sich ein rot umwickelter Knoten mit einem kleinen hängenden Haken in einer Nylonschlaufe, und daraus folgerichtig geknüpfte Fliegen mit einem hängenden Haken, die als „Mosche Telaio“ bekannt wurden. Sie werden bis heute kommerziell hergestellt und kosten die erwähnten 5,90. Für „Facocchis“ zahlt man 3,90. Das erklärt sich mit mehr Aufwand bei den „Telaio“, die mehr Material im Leib haben und oft sogar einen bebundenen Hängehaken.

Mit dem linken Körperfaden einen ersten Knoten setzen, von unten links zwischen den Seelen hindurch, dann um beide Seelen unten herum, von oben über die rechte Seele wieder hinein. Mit dem rechten Faden rechts von oben hindurch, dann oben herum, und links wieder nach unten durch. Dieser Knoten ist alles was man lernen muss.

Gemeinsam ist beiden Bindemethoden, dass sie letztlich eine winzige Makramee-Arbeit sind. Darum halte ich sie im Prinzip für einfach, denn Makramee wird ja in Grundschulen im Textilen Gestalten gelehrt, weil man es in die völlig verquasten Kernkurrikula vieler Länder reindeuten kann. Wenn die Lehrkraft das so möchte. Aber, ohne aber geht es nicht, diese Fliegen sind trotzdem Kunstwerke in sich, denn es ist sehr wichtig sie so zu binden, dass die beiden belasteten Schlaufen vorn und am Haken nicht mit dem Rest der Fliege kommunizieren und in der Lage wären, sie zu zerstören. Es ist also wichtig, die Seele der Arbeit und die Hakenschlaufe so zu verbinden, dass sie einem unidirektionalen Zug standhalten. Außerdem muss man deutlich sagen, dass „Facocchis“ nicht leichter sind als klassische Trockenfliegen. Sie sehen nur so aus, wie man auf einer Pulverwaage flott feststellen kann. Trotzdem schwimmen sie gut und anders als Trockenfliegen, da der Haken eintaucht und die Fliege an der Oberfläche bleibt, fast so als wäre die ganze Fliege der Parachute für den Haken. Und man kann ja 12er Fliegen mit 16er Haken binden. Dann sind sie schon auch leichter.

Mit dem rechten Körperfäden einen Knoten um die Seelen machen und einen Hechelstamm einlegen. Sehr fest zuziehen und den Hechelstamm parallel zu den Seelen festklemmen. Alle Fäden zeigen ebenfalls nach hinten.

Möchte man Facocchis binden, dann muss man sich fragen, auf welchem Niveau man einsteigen möchte. Will man nur mal sehen, ob man es kann, sollte man die Aufhängung der Fäden irgendwie improvisieren. Mit einem zweiten Bindestock geht das sehr gut. Möchte man intensiver einsteigen, baut man sich ein Brettchen mit zwei Pfosten. Will man Profi werden, baut man sich einen Ständer mit Schublade, Feder und diversen Schlitzen. Dazu benötigt man ein paar Hechelklemmen mehr, um die sechs bis acht Fäden zu steuern, die es zu bewegen gilt. Man kann entweder von vorn nach hinten knoten, dann muss man nach vorn anziehen, von sich weg, oder von hinten nach vorn, dann zieht man zu sich hin. Beides geht. Damit kann man dann alles realisieren, was das Herz begehrt. Ich würde in der Tat improvisiert beginnen und dann mal schauen, wohin der Weg so führt. Das Grundmaterial ist Nylon, und obwohl man Nylon mit Säurefarben und Hitze färben kann, übersteigt das ein wenig meinen Bedarf. Besser ist’s, wenn man immer mal schaut wo man Nylon kaufen kann, und da gibt es kreative Produkte in gelb, grün, rot, braun, ocker und orange. Davon 0,20 oder 0,25 oder auch 0,30, und man hat vieles abgedeckt. Ist man damit nicht zufrieden, muss man von Facocchi auf Terenzio umstellen und zusätzlich Antron einlegen. Aber erst dann, wenn man ein paar Dutzend Basics geknotet hat. Man muss akzeptieren, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt die nötigen Knoten zu knüpfen, und nicht nur eine Variante ist richtig. Dazu wird man eine Meinung finden, wenn man ein paar Dutzend Faccochis gebunden hat. Facocchis sind wie gesagt einfach zu binden, auch wenn es nicht so aussieht. Man benötigt im Prinzip nur einen Trapezständer mit zwei Pfosten, kann die Aufhängung aber auch mcguivern. Wichtig ist ein Gummizug oder eine Feder an einer Seite. Einfach mal machen, learning by doing.

Die Hechel zur Hälfte verbrauchen und mit dem rechten Körperfaden fixieren. Den linken Faden ebenfalls knoten und mittig zwischen den Seelen nach unten ziehen. Das ist der spätere Hakenträger. Diesen nun nach vorn abklemmen!

Die Hechel aufbrauchen und mit dem rechten Faden mit dem beschriebenen Webknoten fixieren. Von oben rein, oben rum, links runter, anziehen.

Den up eyed Haken in den linken Körperfaden einfädeln, eine passende Schlaufe bilden und mit einem Webknoten fixieren. Er sollte schön gerade unter der Fliege baumeln.

Mit geduldigen und festen abwechselnden Webknoten den Körper aufbauen. Facocchis werden über die Körperlänge definiert, z.B. 10 mm schwarz, so wie hier. Der Haken kann zwischen 12 und 16 variieren!

Einen Nagelknoten hinter der Fliege um zwei Nadeln über die beiden Seelen knüpfen. Hier ein 18er Nylon. Und ja, das ist knifflig.

Die nach hinten zeigende Nadel mit dem Nylon durchziehen, in die nach vorn zeigende Nadel ein paar Schwanzfibern einfädeln. Auch knifflig.

Die Fibern in den Nadelknoten einziehen und den Knoten schön fest anziehen. Es ist gleich vollbracht.

Den Nagelknoten bis an die Fliege ziehen und alle Fäden und Fibern kappen. Wer dem Braten nicht traut, kann einen winzigen Tropfen Zap-a-gap hinten auftupfen. Ich tue das nicht. Ist wie Maggi an Carbonara. Oh ja, Widerhaken anzwicken. Dann bekommt man seine schöne Fliege häufiger heil zurück. Möchte man Flügel einlegen, dann in der Mitte der Hechel. Aber ich dachte wir fangen erst mal so an. Ich komme auf das Thema zurück. Tight thread!

Ingo Karwath