
Tausende Male habe ich in diese Taschen gegriffen, viele Forellen gefangen, kann ich das wirklich hinter mir lassen?
Im mehr oder weniger letzten Berufsjahr meines Lebens habe ich mir eine Reise nach Kanada gegönnt, die ein wenig suboptimal verlaufen ist. Die Lodge war kurz davor abzusagen, weil eine „arctic bomb“, ein polarer Wettersturz, die Fischerei abgedreht hatte. Für einen an die alten Zeiten gewöhnten Fischer fing ich dann wenig Fische, früher war mehr Lametta, aber immerhin doch einige. Am letzten Tag kam Nebel auf, und der Flieger aus Smithers konnte uns nicht abholen. Letztlich kam er doch, aber alle anderen Flüge waren verpasst. Zusätzlich hatte ich in der Wartezeit aufgewärmte Pilzsuppe gelöffelt, und mir ging es so richtig schlecht. Aber davon will ich gar nicht reden. Meine Familie war so nett mir vor der Reise eine neue Guide-Weste zum Geburtstag zu schenken, und die hatte ich aus meinem Fundus mit allen möglichen Boxen beladen. Zuhause habe ich sie wieder ausgepackt und weggelegt. Ich weiß gar nicht mal ob ich so ein wenig den Gedanken “schlechte Medizin‘ hatte, aber in jedem Fall gab es keinen Grund meine geliebte Küstenweste, meine Filson Lachsbüdel oder meine französischen Westen gegen eine neue auszutauschen. Die Neue hatte auch viel zu viele Taschen, die ja letztlich nur den Sinn haben, uns noch mehr Gedöns kaufen zu lassen. Aber meine Küstenweste zeigte nun doch so starke Anzeichen von Korrosion an den Reißverschlüssen, dass ich die Sustut Weste aus dem Schrank holte und einem Füll-Test unterzog. Mein übliches Beiwerk an Dosen und Kleinteilen passte so mühelos hinein, als wäre man aus einer Zweizimmerwohnung in eine Vierzimmerwohnung gezogen. Da ergab sich die Möglichkeit für neue Dosen, also fein binden, und auch die Umsortierung von den Fliegen, die ich sonst in Filmdosen verwahre, in korrekte Fliegendosen. Das war natürlich zu reizvoll und ich bestellte zwei neue Boxen und machte mich ans Werk. So ein Umzug ist ja doch mit vielen positiven Gedanken der Hoffnung belegt, in der kleinen Wohnung aufgewachsen, in der großen Abitur gemacht. Da bin ich skeptisch. Mein nächster Trip ist unser Sommerurlaub und eine Forelle im Sommer ist immer ein Bonus. Ich fische nur von 22 bis 24 Uhr, und das ist natürlich Spielkram. Kann auch ohne Abi ablaufen. Da es nun langsam ernst wird, kam mir in den Sinn die Reißverschlüsse an der alten Weste zu erneuern. Über zwanzig Jahre Emotionen stecken darin, aber auch das ist das Opfer eines Umzugs. Gegühle bleiben zurück. Ich schau mal einen Sommer und Herbst, ob sich mit der neuen Wohnung meiner Fliegen neue Emotionen verbinden können, und werde dann entscheiden. Bleiben oder zurück.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Also her damit. Voll die falsche Einstellung, aber sei’s drum.
Ingo Karwath