Vom Himmel hoch

Die Vorbesitzerin unseres Hauses hatte sich in einem kleinen Durchgangszimmer auf dem Weg zum Hauswirtschaftsraum und zur Sauna ein Handarbeitszimmer eingerichtet. Sicher hätte man auch andere Verwendungen finden können, aber nach dem Kauf fiel es mir kampflos als Bindezimmer zu. Ich habe es selbst renoviert, und an den Wänden Sperrholz und an der Decke Fichtenbretter angebracht. Alte Flötotto Möbel aus dem Kinderzimmer unserer Tochter bilden die immer noch ansehnliche Einrichtung, den Bindetisch musste ich auf Maß bauen. Der Stuhl vor dem Tisch ist der alte Schreibtischstuhl von meinen Eltern, an dem ich sehr hänge. Aber davon will ich eigentlich nicht berichten. Es ist aber wichtig zu wissen, dass ich da die Lufthoheit habe, denn bevor Sie nun nachmachen, was ich vorschlage, sollte das geklärt sein. Mit einem Pendel habe ich exakt die Stelle gefunden, unter der sich in der Regel die Spitze meines Bindestocks befindet. Dann habe ich eine Ringschraube in die Decke gedreht. Daran befindet sich ein Gummiband mit einer Kordel, an der genau passend eine Hechelklemme angeknotet ist. Möchte ich eine Parachute oder ähnliche Fliege binden, kann die Klemme das Flügel- oder Trägermaterial einklemmen und ich kann völlig befreit binden. Das hat sich so viel mehr bewährt als alle möglichen Galgen, dass ich mir nicht erklären kann warum mir diese Idee so spät kam. Die Grenze zwischen Altersweisheit und Alterswahnsinn fließt, mein Lieber, sagte ein Freund deshalb zu mir. Wenn ich das Ding so hängen sehe, würde ich eher Altershumor beanspruchen wollen. Es erinnert ein wenig an eine Rube Goldberg Maschine, nur eben ohne Nonsens. Jedenfalls für Binder. So etwas fällt einem nur mit zu viel Freizeit ein.

Ingo Karwath